Anke Stelling: Bodentiefe Fenster

Im letzten Jahr stand Anke Stelling mit ihrem Roman Bodentiefe Fenster (Verbrecher Verlag) auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Schon damals fiel mir der Roman vor allem wegen des reduzierten, „Verbrecher-typischen“ Covers ins Auge. Jetzt habe ich es endlich geschafft, Stellings Roman über die Töchter einer 68er-Mütter-Generation und das Leben in einem Wohnprojekt, zu lesen.

Stelling Bodentiefe Fenster

In Bodentiefe Fenster begleiten wir die Hauptfigur Sandra durch ihren Alltag und werden Zeugen ihrer Gedanken und Gefühle. Einen wirklichen Plot gibt es nicht, vielmehr werden ein Lebenszustand und dessen Ursache beschrieben. Schon der erste Satz aus Sandras Sicht wirkt verheißungsvoll: „Ich bin wie meine Mutter.“ Eine erfüllte Wunschvorstellung? Oder eine Klage? Ein gelungener erster Satz, der bereits zu Beginn das Thema des Romans umreißt, aber nicht zu viel verrät.
Sandra ist vierzig Jahre alt, Mutter zweier Kinder und verheiratet mit Hendrik. Alle zusammen leben sie (wie übrigens auch die Autorin selbst) in einem Berliner Wohnprojekt. Ausgang dieser Art des Zusammenlebens ist die Idee, der Anonymität beim Wohnen in einer Großstadt zu entkommen. Die Hausgemeinschaft soll sich im besten Fall auf einer demokratischen Basis gegenseitig positiv beeinflussen und bereichern. Solch ein Zusammenwohnen kann sehr schön sein. Man fühlt sich nie allein, selbst in der anonymsten Großstadt. Außerdem versammeln sich in einem solchen Wohnprojekt zumeist Menschen mit ähnlichen politischen Ansichten. Sandra führt uns jedoch auch immer wieder die Kehrseite eines solchen Zusammenlebens vor Augen:

Es ist nämlich so, dass wir im Wohnprojekt darum konkurrieren, wer die lustigsten Bekannten, die besten Argumente, die begabtesten Kinder und die schönste Balkonbegrünung hat […]

Die BewohnerInnen sind sich so nah, dass das Zusammenleben Fluch und Segen zugleich sein kann. Fast alle Familien in Sandras Wohnprojekt haben Kinder. Deren Erziehung und die damit einhergehenden Schwierigkeiten sind ständige Themen im Buch. Mit dem Gefühl, sich inmitten von „Richtig-Mach-Müttern“ zu befinden, wirkt Sandra oft überfordert und unsicher. Im Wohnprojekt wird von den meisten Eltern eine eher anti-autoritäre Erziehungsweise bevorzugt. Sandra hat im Grunde nichts dagegen einzuwenden, steht diesem Konzept der Kindererziehung aber auch kritisch gegenüber. Im Roman wird dies deutlich, als Sandra mit ihrer Tochter Lina bei einem Gartenfest der Hausgemeinschaft beginnt, Federball zu spielen. Immer wieder werden die beiden von Judiths Tochter unterbrochen, ohne dass deren Mutter sie zurechtweist. Also schreitet Sandra reflexartig ein: „Wenn du nicht weggehst, kriegst du gleich den Schläger an den Kopf“. Bereits im nächsten Moment bereut sie ihre Aussage, entschuldigt sich besonders laut, sodass auch die HausbewohnerInnen es mitbekommen und beendet reuevoll das Spielen mit ihrer Tochter. Dies ist nur ein Beispiel für den Zwiespalt, in dem sich Sandra ständig befindet.
Ihr fällt es schwer, ihre eigenen Ideale und die gesellschaftlichen Erwartungen mit konkreten Konfliktsituationen unter einen Hut zu bekommen. Dabei trägt sie nicht nur ihre eigenen Vorstellungen mit sich herum, sondern auch die ihrer verstorbenen Mutter. Dass Autoritäten nichts Gutes sind, hat sie schon von ihr in die Wiege gelegt bekommen. Sandra ist ein Kind der 68er Bewegung und hat von ihrer Mutter den Auftrag bekommen, die Welt zu verändern. Doch mit Anfang Vierzig muss Sandra sich eingestehen: „Ich bin wie meine Mutter.“ Sandra sieht, wie die Mutter damals, die eigenen Ideale klar vor ihrem innerem Auge, kann sie aber nicht erfüllen – eine Tragik, die beide Figuren verbindet.
Die linksliberale Einstellung, mit der Sandra erzogen wurde, spiegelt sich im Roman in Slogans wieder, die die Hauptfigur nicht mehr vergessen kann: „Einer ist keiner, zwei sind mehr als einer“, „Gemeinsam sind wir stark“ und „Diese Welt ist veränderbar“. Neben diesen Mottos kommen Sandra immer wieder Kinderlieder in den Sinn, die ebenfalls für die Möglichkeit einer besseren Welt plädieren, wenn nur alle zusammenhalten. Diese Wiederholungen ziehen sich durch den gesamten Roman und sind bewusst gesetzt. Sie erscheinen keinesfalls redundant, obwohl sich bestimmte Sätze in exakt gleicher Wortreihenfolge wiederholen. Vielmehr verstärken sie Sandras inneren Drang, etwas verändern zu wollen, die Ideale ihrer Mutter zu erfüllen.

Beim Lesen konnte ich Sandras Hilflosigkeit und Stillstand sehr intensiv nachfühlen. Dies liegt vor allem an der unprätentiösen Sprache, die Stelling in ihrem Roman verwendet. Die Sätze sind klar strukturiert und unterstützen den Fokus auf den Gang, nicht den Ausgang, der Geschichte. Stelling schafft es zudem, inneren Monolog und äußere Handlung geschickt zu verweben, sodass ich wirklich das Gefühl hatte, mit Sandra durch ihren Berliner Alltag zu streifen. Ja, vielmehr noch hatte ich den Eindruck, Sandras Komplizin zu werden, was den Lesegenuss ungemein erhöht.
Der klare Stil des Romans wird von einem trockenen Humor durchzogen, sodass ich beim Lesen immer wieder schmunzeln musste, zum Beispiel, wenn Sandra versucht, ihrem Mann nach dem Zu-Bett-Gehen noch ein paar Zärtlichkeiten abzuluchsen:

Ich nehme seine Hand und lege sie mir selbst auf den Kopf. Er knurrt und dreht sich um, stößt mich dabei mit dem Ellbogen. Das habe ich davon, Erschleichung von Dienstleistung.

Bodentiefe Fenster kommt ganz ohne metaphorisch aufgeladene Bilder aus, weil das Thema des Romans stark genug ist. Sandras Zweifeln und Hadern mit sich und ihrer Umgebung umgibt den Inhalt des Romans mit einem nachdenklichen Schleier. Durchbrochen wird dieser durch wiederkehrende schwarzhumorige Passagen. Für mich waren es gerade Sandras Selbstzweifel, die sie zu einer Sympathieträgerin machen. Sich an Idealen abarbeiten und dabei erkennen, dass die Welt vielleicht zu komplex ist, um die eigenen Wertvorstellungen zu erreichen – das kenne ich auch.
Bodentiefe Fenster ist ein Roman unserer Zeit, der ohne stilistische Großspurigkeit von den Problemen mit den eigenen Vorstellungen erzählt.

Weitere Besprechungen auf Zeilensprünge und beim Kaffeehaussitzer.
Übrigens erscheint im November 2016 die Taschenbuchausgabe von Bodentiefe Fenster bei Ullstein.

Bodentiefe Fenster Anke StellingAnke Stelling

Bodentiefe Fenster

Verbrecher Verlag

ISBN: 978-3-9573-2081-0

2015 erschienen

3 Kommentare

  1. Wie witzig ist das denn! Ich habe Ende letzten Monats erst eine Frau aus einem Wohnprojekt kennengelernt und es war so spannend, ihrem Leben zu lauschen. Und jetzt liest du ein Buch zu dem Thema! Das landet natürlich auf meiner Wunschliste!
    Danke für deine Rezension ♥

  2. Ich stimme mit dem meisten aus Eurer Rezension überein, außer mit „Bodentiefe Fenster kommt ganz ohne metaphorisch aufgeladene Bilder aus“. Für mich ist es ein Buch voller extrem starker Metaphern, angefangen mit den bodentiefen Fenstern, Synonym mit der Sehnsucht dem Leben in den super ausgestatteten Wohnungen des deutschen Fernsehfilms, die sich aber schlecht putzen lassen und hinter denen alles zu sehen ist, alles ordentlich sein muss, nichts sich dem Urteil der anderen entzieht.

    • Liebe Anke, vielen Dank für deinen Kommentar. Dass ich „Bodentiefe Fenster“ gelesen habe, ist ja nun schon fast ein ganzes Jahr her. Ich hab es also nicht mehr ganz präsent vor Augen. Aber du hast schon recht, die titelgebenden bodentiefen Fenster stehen natürlich auch für das Leben, welches Sandra führt. Mit „metaphorisch aufgeladen“ wollte ich dem Buch auch gar nicht jegliche Metaphern absprechen. Vielmehr wollte ich hiermit zum Ausdruck bringen, dass das Buch mit seinem eher nüchternen Erzählstil ganz ohne hochstechende Metaphorik auskommt, welche man hier gewiss hätte verwenden können. Es wird vielmehr durch Interaktionen der Figuren und den Gedanken Sandras, mit denen sie jeden Tag zu kämpfen hat, zum Ausdruck gebracht, wie es sich anfühlt, sich an den eigenen Ansprüchen abzuarbeiten und eben hin und wieder auch zu scheitern. Das alles hat Anke Stelling ganz schnörkellos dargestellt. So habe ich es jedenfalls beim Lesen von „Bodentiefe Fenster“ empfunden. Aber natürlich ist das Buch nicht frei von Metaphern, für mich standen sie jedoch nicht im Zentrum und waren eher dezent gestaltet, nicht aufdringlich.
      Liebe Grüße, Juliane

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