Carlos Peter Reinelt: Willkommen und Abschied

Die Geflüchtetenthematik ist aktueller denn je und bei all den politischen Entscheidungen wird viel zu oft die menschliche Komponente vergessen. Der 1994 geborene, österreichische Autor Carlos Peter Reinelt versucht in seinem Erstlingswerk Willkommen und Abschied (Wallstein) eben jenes menschliche Schicksal zu beleuchten und geht damit ein Wagnis ein.

Carlos Peter Reinelt Willkommen und Abschied

Dieses Wagnis liegt bei Reinelts Kurzgeschichte in der Erzählperspektive. In Willkommen und Abschied berichtet ein syrischer Geflüchteter, der sich in einem Schlepper-Lkw mit ca. sechzig anderen Menschen auf der Flucht nach Österreich befindet, aus der Ich-Perspektive. Mir hat sich nun folgende Frage gestellt: Darf ein junger, österreichischer Schriftsteller sich das Recht herausnehmen, durch die Augen eines Geflüchteten zu sehen? Kann ein privilegierter Mensch aus der westlichen Welt überhaupt ansatzweise verstehen, wie ein syrischer Geflüchteter sich auf einer oft tagelangen Fahrt in einem stickigen Lkw fühlt? Ist das nicht pure Anmaßung? Einerseits schon. Immerhin leben mittlerweile genug Geflüchtete in deutschsprachigen Ländern, sodass eine literarische Zusammenarbeit mit ihnen wohl auch denkbar und sinnvoll wäre.

Andererseits war Literatur schon immer ein Mittel, um andere Perspektiven einzunehmen, sich zum Beispiel vom privilegierten Leben zu lösen und so den eigenen Horizont zu erweitern. Was dann dabei herauskommt, ist oft ein Mehrwert für andere Menschen und kann das Verständnis unvorstellbarer Geschehnisse in Ansätzen fördern. Reinelts Text Willkommen und Abschied schafft genau das, nicht zuletzt aufgrund seiner Gestaltung und Stilistik.

Reinelts Debüt trägt den gleichen Titel wie ein Gedicht von Johann Wolfgang Goethe, und tatsächlich lassen sich Parallelen zwischen beiden Texten finden. In Goethes Gedicht ist es die Vorfreude auf die Geliebte, die das lyrische Ich zur Reise antreibt. Das Treffen mit der Angebeteten verläuft euphorisch, der Abschied schmerzhaft. Freude und Schmerz, auch dieses Gegensatzpaar treibt den Ich-Erzähler in Willkommen und Abschied um. Freude, weil er dem Krieg entkommen ist und sich ein besseres Leben ausmalt, Schmerz, weil er seine Familie zurücklassen musste. Im Gegensatz zu Goethes lyrischem Ich tritt die Hauptfigur keine Reise, sondern seine Flucht an, aus einem weitaus traurigeren Grund als der Liebe: Krieg. Sein innerer Monolog während der Fahrt im Schlepper-Lkw ist so ergreifend wie schockierend.

Verdammt, das Kind schreit sicher schon seit 2 Stunden. ich halt’s nicht mehr aus. Aber noch viel schlimmer wie das Kind ist die Alte. Ihren Klagegesang erträgt doch kein Mensch. […] Diese elenden Klagelieder. Wo soll dein scheiß Allah denn sein?

Die Nähe des Geschriebenen zur gesprochen Sprache lässt die Fahrt des Syrers so authentisch erscheinen, dass ich zeitweise das Gefühl hatte, selbst in diesem Lkw voller Menschen, Urin und Kot zu sitzen. Besonders auffällig ist die Typografie des Textes.
Der Satzspiegel wird von der Fraktur „Willkommen und Abschied“ umflossen, was ein Gefühl von Enge erzeugt und so die Situation im Lkw untermalt. Beginnt die Hauptfigur langsam einzuschlafen, wird die Schrift kleiner, wie vor einem sich schließenden Auge. Regt der Protagonist sich auf und wird panisch, ist die Schrift besonders groß, wie die vor Angst geweiteten Pupillen. Außerdem wird der Hintergrund des Textes immer dunkler. Sind die Seiten anfangs noch weiß, geht ihre Farbe zunehmend in ein Grau über und verdunkelt sich zum Ende hin beständig. Für mich war diese Gestaltungskomponente ein Hinweis auf den physischen und psychischen Zustand des Geflüchteten, der sich im Laufe der Handlung schrittweise verschlechtert.

Carlos Peter Reinelt Willkommen und Abschied

Vor allem durch diese bewusste Gestaltung kann der auf nur 24 Seiten erzählte Schrecken dieser Schlepper-Fahrt wirken. Trotz der Kürze des Büchleins ließ mich die Lektüre im Nachhinein nachdenklich und erschüttert zurück. Aber genau das soll Literatur in mir auslösen und genau deshalb hat dieser Text seine volle Berechtigung, obwohl hier ein westlicher Autor aus Sicht eines syrischen Geflüchteten schreibt.

Manchmal ist es eben nötig, ein Wagnis einzugehen, vor allem in der Literatur. Willkommen und Abschied ist ein mutiger Text, der erzählerische Grenzen überschreitet und dabei einen neuen Zugang legt zum derzeit wichtigsten Thema in Politik und Gesellschaft.

Carlos Peter Reinelt Willkommen und Abschied

Carlos Peter Reinelt

Willkommen und Abschied

Wallstein Verlag

ISBN: 978-3-8353-1974-5

erscheint im August 2016

Kategorie Blog, Indiebooks, Rezensionen
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Mein Masterstudium hält mich derzeit literarisch auf Trab. Nebenbei versuche ich, die Welt zu entdecken. Auf Poesierausch möchte ich über Literatur und Kultur schreiben – so, wie ich sie erlebe.

9 Kommentare

  1. Wortlichter

    Ich habe auch ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu solchen „Vermutungen“ wie sich diese Menschen fühlen. Vermutungen, weil niemand der es nicht mitgemacht hat, es fühlen kann. Die meisten hier haben zudem eine sehr ethnozentristische Weltsicht, was die Sache nochmal schlimmer macht. Es gibt unzählige Literatur wo ich mir an Kopf fasse, die vor lauter Rassismus und Scheinwahrheiten nur so trieft. Literatur, welche Zündstoff ist für den Hass. Bei manchen Themengebieten findet man überhaupt niemanden, der Selbst zu Wort kommt. Stattdessen wissen die Europäer aber wunderbar, wie es allen anderen geht. Selbst wenn sie mit Menschen, über die sie schreiben, nie gesprochen haben.
    Das ist ein echtes Aufrege-Thema für mich, weil ich Selbst betroffen bin, mit den Auswirkungen von solcher pseudowissenschaftlicher Literatur.

    Aber deiner Rezension nach zu urteilen, handelt es sich tatsächlich um einen sehr entgegenkommenden Versuch, der sich auch gar nicht anmaßt es besser zu wissen, sondern eine Perspektive aufzeigen will. Für viele ist das vielleicht auch ein schöner Denkanstoß, über diese Thematik zu reflektieren. Zudem sind diese Stimmen nötig, denn es gibt viel zu wenige Stimmen bei diesem Thema. Literatur ist ja auch immer eine Art der Auseinandersetzung mit einer Thematik. Das was uns beschäftigt, darüber schreiben wir. Es zeigt in diesem Sinne auch, was die Gesellschaft antreibt und wie sie denkt.
    Da ich hauptberufliche Flüchtlingsbetreuerin bin, habe ich auch schon darüber nachgedacht, darüber zu schreiben, aber irgendwie fühlt es sich nicht stimmig an.

    Liebe Grüße, Anja

    • Liebe Anja,
      wenn du in der Flüchtlingshilfe arbeitest, hast du gewiss noch einmal einen ganz anderen Blick auf die persönlichen Schicksale der geflüchteten Menschen als ich, die sich bisher leider gar nicht engagiert. (Außer natürlich Literatur zu diesem Thema zu lesen…nur zählt das wahrscheinlich noch nicht wirklich zu „engagieren“.)
      Ich finde, „Willkommen und Abschied“ zeigt eben, dass es wichtig ist, uns in die Geflüchteten hineinzuversetzen, zumindest den Versuch zu starten. Nur so kann doch genug Empathie und auch Zuversicht entstehen, um diese Menschen in unsere Lebenswelt aufzunehmen, um diese mit ihnen gemeinsam zu gestalten.
      Ein Text von dir über deine Arbeit würde mich sehr interessieren. Allerdings verstehe ich auch, dass deine Hemmschwelle da sehr groß ist. Du könntest ja mit den Geflüchteten in irgendeiner Weise gemeinsam schreiben, vielleicht fühlt es sich dann weniger unstimmig an. Wäre solch ein literarisches Projekt vielleicht denkbar?
      Liebe Grüße
      Juliane

      • Wortlichter

        Ich finde schon, dass es zu „sich engagieren“ zählt, zu Lesen, denn Veränderung beginnt bei sich Selbst und im Kopf. Und jeder von uns, hat auch indirekt wieder Einfluss auf andere Menschen.
        Und ich denke dass die Literatur da einen großen Beitrag schaffen kann.

        Ja, jetzt irgendwie kommt mir doch der Gedanke, dass es vielleicht doch interessant wäre, darüber zu Schreiben. Aber ich weiß nicht ganz wie und wo man anfangen soll. Mit Geflüchteten zusammen Schreiben, ist vielleicht eine gute Idee, für mich glaube ich eher weniger, da ich sehr wenige beständige und tiefe Beziehungen habe. Ich habe immer an Orten gearbeitet, wo sehr viele Menschen zusammen kommen und bald wieder gehen. Ich weiß nicht, wie die Geschichten ausgegangen sind, die ich mitbekommen habe. Ich hatte tausende Menschen, die an mir vor rüber gehen, aber nur wenige die mir ihre Geschichte erzählt haben. Ich habe nie danach gefragt, aber man sieht es in den Augen der Menschen. Den Schrecken in Worte fassen, ist auch für die Geflüchteten nicht leicht. Viele wollen auch vergessen. Ich bin eher die Beobachterin. Viele Sachen die ich beobachtet habe, sind auch thematisch sehr schwierig, weil nicht alles schwarz und weiß ist. Nicht alle, kommen aus guten Gründen, nicht alle sind unschuldige Zivilisten. Nicht alle können mit dem Erlebtem umgehen. Und auch mich hat es verändert. Ich sehe die Welt jetzt anders und bin ein bisschen mutiger geworden. 🙂 Gewalt ist real und kann jeden Treffen. Angst ist vernichtend. Leben ist Kostbar.
        Ok. Ich werde schreiben. 🙂

        • Liebe Anja,
          es freut mich sehr, das zu hören und ich kann dir bei allem, was du geschrieben hast nur zustimmen! Ich bin gespannt und wenn du magst, würde ich deine ersten vorzeigbaren Entwürfe gern lesen! 🙂
          Ganz liebe Grüße
          Juliane

  2. Okay, das landet dann mal definitiv auf meiner Wunschliste. Anmaßung oder nicht, ich denke ebenfalls, dass Literatur genau dazu da ist: Themen/Perspektiven zu Papier bringen, an die sich sonst niemand so richtig rantraut.
    Sehr schöne Rezension von dir! ♥

    • Oh, das freut mich! „Willkommen und Abschied“ ist wirklich ein ganz besonderes Büchlein und wird dir bestimmt „gefallen“, wenn man das überhaupt so sagen kann. <3

  3. Hab das Büchlein auch gelesen – seit einer gefühlten Ewigkeit wieder mal nach dem Ende eines Textes das Bedürfnis irgendwie darüber zu reden. Also ich fand es wirklich schwindelerregend. Vor allem das Ende, bei dem man wirklich krampfhaft versucht noch weiterzulesen – bis es nicht mehr geht, und das will man dann doch nicht wahrhaben, wie die Figur kann man sich nicht loslösen. Klasse gemacht.
    Stimme deiner Rezension auch voll zu. Interessant fand ich den Gedanken, die Schriftgröße in Verbindung mit den Augen zu bringen („Regt der Protagonist sich auf und wird panisch, ist die Schrift besonders groß, wie die vor Angst geweiteten Pupillen.“) Ich hatte beim Lesen eher das Gefühl, dass sein Bewusstseinstrom mal dominanter, mal weniger wird. Eher in Verbindung mit Lautstärke. Aber die Vorstellung mit den Augen ist auf jeden Fall die poetischere!
    Anmaßend, kann schon sein. aber wenn mich etwas so mitreißt, darf es von mir aus auch anmaßend sein.

    • Lieber Felix,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, ich musste danach auch erst einmal mit einem Freund reden, der den Text auch schon gelesen hat. Dieser erinnerte mich dann daran, dass fast genau vor einem Jahr ja tatsächlich ein Lkw mit 71 erstickten Geflüchteten in Österreich gefunden wurde. Das hatte ich bei der Lektüre gar nicht mehr auf dem Schirm. Einfach traurig.
      Liebe Grüße
      Juliane

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