Leonhard Hieronymi: Ultraromantik

Mit Ultraromantik von Leonhard Hieronymi erscheint im Korbinian Verlag nach drei Novellen das erste Manifest, in größerem Format und aufwendigerer Gestaltung. Es präsentiert ein literarisches Programm und gibt Einblicke in mögliche poetologische Hintergründe dessen, was die Novellen schon angedeutet haben.

Leonhard Hieronymi: Ultraromantik

Ich will hier gar nicht um den heißen Brei herumreden: Juliane und ich sind Fans des Korbinian Verlags und seiner leicht bekloppten, aber eben auch irgendwie genialen Sippe um Das Wetter und die Rich Kids of Literature. Nachzulesen hier und hier. Die Boys und Girls sorgen für frischen Wind in einer Literaturszene, der nach dem Ende der Popliteratur ein wenig die Luft ausgegangen ist und in der junge, provokante Akteur*innen meist nur kurz am Rande des Geschehens aufblitzen können. Zu bleibenden Eindrücken reichte es aber nur sehr selten.

Die Berlin-Hamburger Clique ist nun auch noch nicht wirklich zum Hauptdarstellerstatus in der deutschen Szene aufgestiegen, aber sie etabliert sich – Novelle für Novelle ein wenig mehr. Nun erscheint mit Ultraromantik das erste Manifest. Ich sage bewusst nicht, dass es DAS Korbinian-Manifest ist. Dafür ist es zu streitbar, bietet zu viel Angriffsfläche, ist in sich vielleicht mehr Kunstwerk als Programm. Aber es bietet einen Ansatz, um die Literatur wieder in die Gänge zu bringen, sie, um aus dem Langtitel zu zitieren, „aus den Fängen ihrer eigenen Lethargie“ zu befreien.

Um das zu erreichen, bekommt die Romantik ein Ultra verpasst, sie wird analog zum Hyperrealismus den ins unendliche gesteigerten Möglichkeiten und Anforderungen unserer Gegenwart angepasst. Trotz der starken Anlehnung an Novalis’ Blütenstaub-Fragmente – dem Traktat der Frühromantik – geht es aber nicht allein um eine Aktualisierung oder Anpassung romantischer Ideen, sie sind nur ein Teil des ultraromantischen Rezepts:

Science-Fiction-Texte, die ultraromantisch sind, tragen Züge von Augmented-Reality-Games. Sie sind erweiterte Realität: Jenseits der Realität = Ultra-Realität. Ultra-Realität + Romantik + SCI-FI = Ultraromantik.

Ist der Hyperrealismus eine bis ins schmerzhafte Kleinstdetail hineingetriebene Scharfzeichnung der Realität, treibt die Ultraromantik sie in ihr fantastisch-romantisches Jenseits. Geschwindigkeit und Handlungsorientierung sind dabei grundlegende Tugenden gegen die Lethargie, Merkmale der Science-Fiction ein verpflichtendes Mittel. Überhaupt ist die Science-Fiction so präsent im gesamten Manifest, dass ein wenig unklar scheint, wieso es keine Ultra-Science-Fiction ist, die hier ins Leben gerufen wird. Aber sei es drum – das Neue, ein Vorwärts wird hier ins Licht gerückt, und zwar um jeden Preis.

Nun überrascht es wenig, dass die kleine Form, vor allem die Novelle als Hauptform der Ultraromantik beschrieben wird. Sind doch alle drei Veröffentlichungen des Korbinian Verlags Novellen. Doch sie allein deshalb gleich zu ultraromantischen Werken zu erklären, wäre dann doch etwas übereilig. Auch Leonhard Hieronymi hält sich hier vornehm zurück und schenkt den anderen Werken des Verlags keine Beachtung. Stattdessen steuert er zwei Listen bei, die insgesamt 100 Werke mit ultraromantischem Charakter von 1970 bis heute verzeichnen. Er betont damit, dass das Ultraromantische keine neue Erfindung, sondern die Benennung einer bislang namenlosen Strömung in Literatur, Musik und Film ist, deren Werke es zum Teil schon sehr lange gibt.

Betrachtet man nur die programmatischen Teile zusammen mit den Listen, macht das Ganze in sich durchaus Sinn und ergibt ein stimmiges Ganzes. Die Science-Fiction mit ihrem Drang ins Neue, ins Morgen, ins noch Unentdeckte, gepaart mit der Gefühlstreue der Romantik und ihrer introspektiven Authentizität – das hat schon was. Allerdings sind mir hier und da auch einige Einzelheiten etwas sauer aufgestoßen. So zum Beispiel die wiederholte Verwendung der Begriffe „Wahrheit“ und „Wahrhaftigkeit“. In einer Zeit, in der die #wahrheit zum Stammvokabular rechter Propaganda und Hetze gehört, fällt es mir schwer von der Wahrheit als mythischem Kern der Ultraromantik zu lesen. Der Begriff ist mir schlichtweg suspekt und unangenehm geworden.

Ein wenig problematisch – aber ganz ähnlich zum vorherigen Kritikpunkt – sehe ich die Nähe zum italienischen Futurismus, dessen Vertreter nicht nur mit ihren technizistischen und kriegsverherrlichenden Ideen eine gefährliche Nähe zu Mussolini und den Nationalsozialisten aufwiesen. Geschwindigkeit und Fortschritt sind auch dort Schlüsselbegriffe. Nun möchte ich der Ultraromantik und Leonhard Hieronymi in keiner Weise ähnliches unterstellen; eine etwas deutlichere Absetzung vom futuristischen Programm wäre aber meiner Meinung nach gut.

Die Ultraromantik von Leonhard Hieronymi ist ein so anregendes wie kontroverses Manifest, das zu lesen lohnt. Auch wenn man vielleicht die Thesen nicht oder nicht komplett teilen mag, so schärft das Manifest doch die Wahrnehmung auf den aktuellen Literaturbetrieb und legt die Finger in die Wunde. Provokationen braucht es immer, gerne mehr davon.

Leonhard Hieronymi: UltraromantikLeonhard Hieronymi

Ultraromantik

Korbinian Verlag

96 Seiten | 12,– Euro

Erschienen August 2017

Kategorie Blog, Indiebooks, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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