Stephan Rammler: Schubumkehr – Die Zukunft der Mobilität

Wer hat sich schon mal eine Stadt ohne Autos vorgestellt? Mache ich in Berlin so ziemlich immer, wenn ich zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs bin. Wie viel mehr Platz, wie viel weniger Lärm, Schmutz und Abgase in der Stadt wären! Und wie entspannt und ungefährlich Radeln und Laufen wäre! In Schubumkehr – Die Zukunft der Mobilität (S. Fischer) von Stephan Rammler geht es nicht nur um Autos, sondern alle Bereiche von Mobilität und mögliche Wege in die Zukunft.

Stephan Rammler: Schubumkehr

Das Thema »Mobilität« treibt mich schon länger um. Immer wieder lese ich Interviews von Umwelt- und Fahrradaktivist*innen genauso wie von Mobilitäts- und Umweltforscher*innen. Dabei stellen sich mir immer wieder jegliche verbliebenen Haare auf, wenn ich daran denke, wie klar und unmissverständlich die Signale sind, dass wir so schnell wie möglich unsere Gewohnheiten der individuellen Mobilität umstellen müssen. Und wie wenig passiert. Gut, Berlin bekommt nun höchstwahrscheinlich ein Mobilitätsgesetz. Ein guter Anfang, aber auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Natürlich muss ich zugeben, dass mein erstes Interesse an dem Thema vor allem aus ganz egoistischen Motiven kam: Ich war und bin unglaublich genervt vom Autoverkehr in den Städten, Lärm, Luftverschmutzung, Unfällen, verstopften Straßen und dadurch unzuverlässigen Öffis, Zweite-Reihe-Parkern, und nicht zuletzt dem unfassbar riesigen Platz, der dem Autoverkehr eingeräumt wird. Wenn man sich nun vor Augen hält, dass mindestens die Hälfte, wahrscheinlich viel mehr von diesem Verkehr vollkommen unnötig ist und allein auf das Konto von Gewohnheit, Bequemlichkeit und Statusgefühl geht, könnte ich auf meinem Weg zur Arbeit auf dem Fahrrad regelmäßig durchkotzen.

Schubumkehr von Stephan Rammler hat mich noch einmal in meiner Meinung bestärkt. Der Mobilitätsforscher legt in den ersten drei Kapiteln fundiert dar, in welch kritischer Situation die Menschheit sich derzeit befindet und welchen Stellenwert die Mobilität darin einnimmt. Er stellt heraus, dass Mobilität nie getrennt von Energiegewinnung gedacht werden kann und Energiepolitik sich wiederum nicht auf Mobilität beschränken lässt. Und da läuft alles auf die Frage hinaus: Wie können wir das postfossile Zeitalter gestalten, das wohl etwa Mitte dieses Jahrhunderts in aller Härte anbrechen wird?

Immer mehr Menschen, die immer älter werden, leben auf immer engerem Raum, verbrauchen immer mehr Nahrungsmittel und Rohstoffe und erzeugen dabei immer mehr Emissionen. Durch die Konkurrenz um Ressourcen und durch die ungleiche Verteilung von Reichtum und Lebensrisiken werden zugleich auch die Grenzen der geopolitischen und kulturellen Tragfähigkeit erreicht.

Auf der Grundlage dieses Szenarios blickt Stephan Rammler in Schubumkehr in die globale Zukunft. Das fällt keineswegs für jeden Lebensstil rosig aus. So ist es mittelfristig wahrscheinlich, dass der Flugverkehr extrem eingeschränkt wird. Es gibt momentan einfach keine Alternativen zu fossilen Treibstoffen, keine nennenswerten Forschungen in diese Richtung. Fernreisen adé! Auch das private Auto könnte schneller als gedacht der Vergangenheit angehören, da die Kosten explodieren werden. Auf diese Wiese würden die chronisch ungenutzten Fahrzeuge, die meist 95% des Tages herumstehen und wertvollen Platz wegnehmen, durch CarSharing-Modelle endlich flächendeckend einer vertretbaren Auslastung zugeführt werden.

Natürlich hat dies auch Auswirkungen auf die Auswahl im Supermarkt um die Ecke. Denn ohne entscheidende Innovationen werden auch die Transportwege der Schiffe, die den Großteil der Waren um die Welt fahren, zu kostspielig. Auch der regionale Güterverkehr muss komplett überdacht werden. Eine bloße Umstellung auf Elektroantriebe ist dabei natürlich nur dann nützlich, wenn der Strom aus regenerativen Energien kommt. Hier hat mich Schubumkehr sehr überrascht, da es nur bedingt auf den Einsatz von Batterien zur Speicherung setzt, sondern die durch Wasserstoff angetriebene Brennstoffzelle als Hoffnungsträger für große Speichermengen und die Massen- und Gütermobilität sieht. Für mich war dieser Energieträger fast komplett aus dem Diskurs verschwunden.

Ebenso überrascht hat mich die Form der Darstellung im zweiten Teil von Schubumkehr, der etwa zwei Drittel des Umfangs einnimmt. Hier entwirft der Autor ein Zukunftsszenario der Welt um das Jahr 2043 herum. Dabei geht es nicht mehr so sehr darum, aufgrund von Studien und Zahlen zu argumentieren, sondern sich aufgrund der Analyse der ersten Kapitel eine Zukunft vorzustellen, die die Herausforderungen der Gegenwart gemeistert hat. Natürlich nicht ohne zu erklären, wie. Da tauchen dann plötzlich wieder Zeppeline auf, Hybrid-Segelschiffe, städtische Hochseilbahnen oder neuartige Luftkissenboote. Das Aufzeigen positiver Zukunftsentwürfe soll psychologisch dabei helfen, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht aufzugeben und dadurch die Motivation, aktiv daran mitzuarbeiten, nicht zu verlieren.

Natürlich finde ich nicht alle Ideen Rammlers im Detail wahrscheinlich oder unbedingt wünschenswert. Das ist ok. Aber die Art, wie Schubumkehr seine Zukunftsvision gestaltet, hat mich dann doch ziemlich enttäuscht. Die erste Hälfte dieses Teils ist noch in Ordnung. Wir lesen Reiseberichte eines fiktiven Wissenschaftsjournalisten. Er besucht verschiedene Schlüsselorte der Entwicklung hin zur Welt von 2043 und berichtet ausgiebig über sie. Das kann man so machen, auch wenn es strukturell doch ziemlich an Softpornos der 1990er erinnert. Ein wenig fadenscheinige Handlung, dann ab in die Kiste. Die zweite Hälfte ist komplett im Stil eines Lexikons gehalten. Wer hat Lust, über 100 Seiten in einem Lexikon mit übertrieben vielen Fachbegriffen zu lesen? Hier hat mich das Sachbuch komplett verloren, auch weil die Ideen mir hier zum Teil zu abwegig werden und nicht mehr in einem nachvollziehbaren Zusammenhang miteinander stehen.

So hat mich Schubumkehr – Die Zukunft der Mobilität von Stephan Rammler in seiner Gegenwartsanalyse und dem Aufzeigen nötiger Veränderungen in der mittel- bis langfristigen Zukunft vollkommen überzeugt. Das Ausmalen dieser Zukunft finde ich methodisch gut, stilistisch und strukturell aber einfach zu schlecht umgesetzt, um nachhaltig zu wirken. Diesen Teil sollte man doch vielleicht besser der Belletristik überlassen, auch wenn diese zugegebenermaßen mehr zur Dystopie als zu einer gänzlich ungebrochenen Schönen Neuen Welt neigt

PS: Über Lesetipps zum Thema Mobilität würde ich mich riesig freuen, wer kennt was?

Stephan Rammler: Schubumkehr CoverStephan Rammler

Schubumkehr – Die Zukunft der Mobilität *

Fischer Taschenbuch

336 Seiten | 12,99 Euro

Erschienen 2014


* Dies ist ein Affiliate-Link. Falls du ihn anklickst und dich danach für den Kauf des Buches auf Genialokal entscheidest, unterstützt du nicht nur den unabhängigen Buchhandel, sondern auch uns. Wir erhalten eine kleine Provision, für dich bleibt der Preis des Buches natürlich immer gleich.

Kategorie Blog, Rezensionen, Sachbuch
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

1 Kommentare

  1. Pingback: Artikelhinweise & 6. Blogschau – Sören Heim – Lyrik und Prosa

Kommentar verfassen