[DBP 18] María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten

In ihrem Shortlist-nominierten Roman Nachtleuchten (S. Fischer) entführt uns María Cecilia Barbetta in Buenos Aires’ kleinen Vorort Ballester im Jahre 1974. Das Leuchten des Dunklen, das Sprühen der Zeichen und Paradoxien ist die ganz eigene Qualität dieses Buchs.

María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten

Oft weiß man einfach nicht, wie anfangen. Im Zweifel immer erstmal ein bisschen Inhalt, der Rest kommt dann schon beim Schreiben, irgendwie so haut es meistens hin. Hätte Kleist auch nicht anders gesagt, wäre er Literaturblogger gewesen. Aber wie bei einem Roman wie Nachtleuchten anfangen, wo der Inhalt im Sinne des Plots eigentlich nur ein Nebenschauplatz ist? Beziehungsweise sich die vielen Plots in einem Gewirr aus kleinen Ästchen munter immer weiter ineinander verzweigen? Man kann hier natürlich gleich schon das Rhizom rausholen, aber für Wurzeln ist der Roman eigentlich zu schillernd, da passen Äste für mich besser.

Aber nun doch: Worum geht es? In den besagten zahlreichen Plots lernen wir den kleinen Ort Ballester, einen Vorort von Buenos Aires, im Jahre 1974 kennen. In den drei Teilen wird zunächst der Fokus auf eine Klosterschule gerichtet, dann auf eine Autowerkstatt und abschließend auf einen Schuljungen und seine ganz eigene Detektivkanzlei. Dabei wird ein recht breites Bild einer bewegten Zeit gezeichnet, die durch den Tod des zweimaligen langjährigen Präsidenten Juan Perón und den politischen Wirren der Zeit danach geprägt ist. Die erste Ehefrau des Präsidenten, María Eva Duarte de Perón, bekannt als Evita, schwebt als guter Geist über allen politischen oder auch nur nach Hoffnung suchenden Gesprächen.

Doch im Gegensatz zu Inger-Maria Mahlkes Archipel und Stephan Thomes Gott der Barbaren auf der diesjährigen Shortlist ist die Geschichte hier mehr Folie als Gegenstand, mehr Ort des Geschehens als zu erkundendes Panorama. Man bekommt durchaus ein gutes Bild der Zeit, gerade was die Situation der »kleinen Leute« angeht, aber auf ein Sittengemälde oder Zeitbild ist Nachtleuchten nicht aus. Vielmehr geht es dem Roman um ein schleichendes Einspinnen der Leser*innen, um ein kontinuierliches Beschleunigen des Hurrikans aus sprühenden und flirrenden Zeichen. Durch eine überbordende, verschachtelte, mit Redewendungen, Sprichworten, Jugend- und Milieuausdrücken aller möglichen Zeiten gespickte Sprache wird dieser Zeichensturm entfacht und bringt die verworrenen Äste der Plots zum Schwingen, dass es nur so rauscht im Kopf der Leser*innen.

Sœur María betrat das Klassenzimmer. Sie sah abgerockt aus. Vor sich hinsummend legte sie ein dickes, in Mitleidenschaft gezogenes Buch auf das Pult, auf das die Mädchen in der ersten Reihe kiebitzten und dessen Titel sie weiterflüsterten. Die Internen, denen es bis auf die Sommerferien nicht gestattet war, die klösterlichen Mauern zu verlassen und zu ihren Familien zurückzukehren, blickten seit dieser kurzweiligen Lehrstunde nicht länger hoffnungslos in die Zukunft. »Auf drei Wegen zur Theologie der Befreiung« klang in ihren Ohren wie Musik aus höheren Sphären.
»Ein gutes Omen.«
»Amen.«

Zusätzlich benutzt Nachtleuchten bestimmte Techniken, um einen Schleier des Magischen, Okkulten, Numismatischen und Esoterischen über die Welt Ballesters zu legen. Unterstützt wird dies noch durch immer mehr inhaltliche Bezüge zu diesen Themen. So ist das Buch ganz numismatisch in 3 mal 33 Kapitel plus einem hundertsten eingeteilt, genau auch wie die Exerzitien der Esoteriker im letzten Teil. Die Kapitelnummern spielen immer wieder eine Rolle in den entsprechenden Kapiteln, auch Farben und Buchstaben werden langsam aufgeladen und immer mehrdeutiger. Zudem wird die dargestellte Welt immer wieder aus dem inneren von Figuren betrachtet, deren kraftvolle Phantasie über das triste Reale gelegt, das so einen Schleier des Magischen erhält und vor Absurditäten und Paradoxien nur so strotzt. Zum Ende hin erzeugt der Roman damit einen echten Sog, der mich mit seinem postmodernen Zeichensturm, der stets offenen Tür für Absurditäten und der Ironie des Erzähltons an Pynchon und Foster Wallace erinnert.

Dabei teilt es auch die Schwächen der überbordenden Postmoderne, von Infinite Jest sowie Gravity’s Rainbow. Denn bis der Sturm entfacht ist, bis es rauscht im Kopf und die Realität immer weiter verschwimmt, dauert es lange. Für mich hat der Roman erst zum Ende des zweiten Teils angezogen, vorher habe ich mich doch viel gequält. Die Dialoge waren mir oft zu hölzern, das Vokabular der Figuren zu anachronistisch und wechselhaft, das Geschehen zu nichtssagend und richtungslos, die Sprache zu überbordend. Unglaublicher Spaß war das über weite Strecken nicht.

María Cecilia Barbetta entfacht in Nachtleuchten einen starken Zeichensturm, der an Pynchon und Foster Wallace gemahnt. Doch bis es so richtig rappelt und der Roman zu seiner absolut bemerkenswerten Höchstform aufläuft, dauert es ganz schön lange. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ohne den offiziellen Buchpreis-Blog wirklich drangeblieben wäre. Was aber auch daran liegt, dass mich viele der Plots kaum interessiert haben. Das mag bei anderen Leser*innen anders aussehen.

Maria Cecilia Barbetta: NachtleuchtenMaría Cecilia Barbetta

Nachtleuchten *

S. Fischer

528 Seiten | 24 Euro

Erschienen im August 2018


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