Isabelle Lehn: Frühlingserwachen

Isabelle Lehn hat ihren zweiten Roman veröffentlicht: Frühlingserwachen (S. Fischer). Wir begegnen darin der Mittdreißigerin Isabelle Lehn und straucheln mit ihr durch einen depressiven Lebensalltag. Gelungene Autofiktion?

Isabelle Lehn: Frühlingserwachen

Isabelle Lehn, Mitte dreißig, Schriftstellerin, lebt in Leipzig. So steht es in der Biografie der Autorin geschrieben, so wird die Protagonistin ihres neuen Romans Frühlingserwachen charakterisiert. Darüber hinaus bekämpft die Figur Isabelle ihre Depressionen mit Psychopharmaka, ist genervt von der Buchbranche, wechselt ihre Sexualpartner nach Lust und Laune und kämpft mit den Problemen, die eine Frau in ihrem Alter eben so hat.

Isabelle ist kinderlos – das ist sie mal mehr, mal weniger gern. Sie fühlt sich einerseits von der Gesellschaft unter Druck gesetzt, sich zu reproduzieren, genießt andererseits aber ihre Unabhängigkeit. Neben dem Schreiben arbeitet sie zu Beginn des Buches für einen Professor an der Uni, glücklich macht sie das alles nicht. Doch wenn schon keine Kinder, muss Isabelle doch wenigstens Erfüllung im Job finden, oder?

Mit ihrem Therapeuten spricht sie über diese Themen, doch der will eigentlich nur Gründe finden, um endlich mal wieder Sekt mit seiner Patientin trinken zu können. Nichtsdestotrotz kommt gerade in diesen Szenen die Tragweite von Isabelles psychischer Erkrankung am stärksten zum Ausdruck. Zum Beispiel als der Therapeut sie fragt, wie es sich denn anfühle in der Depression:

Schön leer, sage ich, und angenehm dunkel. Danach habe ich mich lange gesehnt: nichts mehr zu spüren. Da ist Ruhe, Stille, Gleichgültigkeit. So ähnlich stelle ich mir den Tod vor. Eigentlich ganz angenehm.

Die Beschreibungen der Depression sind sehr eindrücklich, so eindrücklich, dass ich den Roman teilweise nur in kleinen Dosen lesen konnte. Trotz all der witzigen Szenen, die es durchaus gibt, haben mich die depressiven Passagen sehr runtergezogen. Kein schönes Gefühl, aber beeindruckend, wenn Literatur so was in mir auslösen kann.

Natürlich habe ich mich während der Lektüre immer wieder gefragt, was davon die »echte« Isabelle Lehn ebenfalls erlebt hat. Alles nur erfunden? Stimmen nur die Eckdaten und der Name? Oder hatte die reale Isabelle Lehn womöglich auch einen festen Freund, der Vadim heißt oder eine Ehe, die in die Brüche ging oder eine befreundete Autorin, mit der sie sich ständig vergleicht? Oft habe ich versucht beim Lesen Parallelen zu den wenigen biografischen Eckdaten Lehns, die mir bekannt sind, zu ziehen. Das hat unglaublich Spaß gemacht, vor allem wenn Isabelle im Buch mit ihrer Lektorin über ihre Autofiktion spricht:

Ich finde es zumutbar, dass der Leser sich nicht völlig sicher sein kann, welche Farbe mein Schamhaar hat, wie es im Bauchraum meiner Mutter aussieht, auf welche Weise ich mit Vadim zusammenlebe und welche Dummheiten ich anstelle, um den inneren Druck loszuwerden. Ich glaube, dass der Leser das aushalten wird. Und vielleicht – dürfte er sich sogar fragen – ist sie in echt nicht einmal depressiv?

Aus der Autofiktion heraus wird über die Autofiktion gesprochen – wenn das nicht mal meta hoch zehn ist. So wie die Protagonistin Isabelle Lehn ihre Grenzen jeden Tag aufs Neue austestet, so tut dies auch die Autorin Lehn – und zwar in literarischer Hinsicht, was ihr hervorragend gelingt.

Mit Frühlingserwachen fängt die Autorin nicht nur glaubhaft und selbstironisch das Leben einer Mittdreißigern in unserer neoliberal geprägten Gesellschaft ein, sondern reizt die literarische Kategorie der Autofiktion bis zum Äußersten aus. Dieses Buch sei allen empfohlen, die denken, deutschsprachige Literatur wage nichts mehr.
((… und allen Lama-Fans, die kommen nämlich auch vor.))

GEWINNSPIEL
Wir verlosen 1 x »Frühlingserwachen« von Isabelle Lehn. unter allen, die bis zum 23.3.2019 einen Kommentar unter diesem Beitrag hinterlassen. Viel Glück!

Isabelle Lehn

Frühlingserwachen*

S. Fischer

256 Seiten | 21 Euro

Erschienen im Februar 2019


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Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Mein Masterstudium hält mich derzeit literarisch auf Trab. Nebenbei versuche ich, die Welt zu entdecken. Auf Poesierausch möchte ich über Literatur und Kultur schreiben – so, wie ich sie erlebe.

9 Kommentare

  1. Ihr Erstling war allein schon durch die Themenwahl überraschend anders und für mich eines der besseren Debüts aus diesem Jahrgang. Ich war bisher neugierig auf ihr zweites Buch und bin es nun nach Lesen der Rezension umso mehr.

  2. Vielen Dank für die spannende Rezension! Ich hab den Roman schon länger im Blick und würde mich unglaublich freuen, es bald lesen zu können : )

    • Liebe Larissa,
      das Los hat sich für dich entschieden. Herzlichen Glückwunsch! Du bekommst auch noch gleich eine E-Mail von mir.
      Liebe Grüße!

  3. Liebe Juliane,
    Ich habe das Buch schon in der Verlagsvorschau entdeckt und der Klappentext hat mich gleich angesprochen. Deine Rezension macht mir jetzt noch mehr Lust auf das Buch. Und Lamas mag ich auch. Also ich würde das Buch sehr gerne gewinnen. 🙂
    Liebe Grüße, Julia

  4. Mehrfach habe ich jetzt nur positives überdieses Buch gelesen, daher würde ich es unglaublich mal selbst lesen.

  5. Eric Handtke

    Da ich in einigen Jahren hoffentlich Psychotherapeut bin, interessieren mich Bücher, die mit dem Thema psychische Erkrankungen zu tun haben sehr – egal ob Belletristik oder Sachbücher. Daher würde ich mich sehr über das Buch und die Lektüre freuen. Zudem hat die Buchhändlerin des Herzens davon geschwärmt. Viele Grüße, Eric

  6. Ha, gerade heute habe ich mich Isabelle Lehns Lektorin unterhalten, u.a. zum Thema Autofiktion, und nun bin ich natürlich neugierig, was die Lektorin im Buch dazu sagt. 😉

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