Paulina Czienskowski: Taubenleben

Tauben bringen sich um, wenn es nicht mehr weiter geht. Sagt Lois’ Vater. In Taubenleben (Blumenbar) von Paulina Czienskowski begleiten wir Lois ein Stück in ihrem Kampf gegen die inneren Dämonen, sehen aber auch Licht am Horizont.

Paulina Czienskowski: Taubenleben

Irgendwo in den Wohntürmen der äußeren Ostbezirke Berlins wächst Lois auf. Ein typisches Mädchen, das am Vater hängt und lebenslustig alles um sich herum erkundet. Wenn nicht mit dem Vater, dann mit ihrer besten Freundin Mirabel. Zunächst spielen und toben sie nur, später sitzen sie meist auf der »geheimen« obersten Etage ihrer Platte und schauen in die Fenster der anderen Menschen oder sehen zu, wie ihre Spucke langsam in den Hof fällt.

Ganz einfach und unbeschwert ist die Kindheit in der Platte aber nicht. Die Konflikte zwischen den Eltern werden immer stärker, spätestens mit dem für Lois überaus rätselhaften Tod ihres Vaters kippt die Beziehung zu ihrer Mutter. Die beiden verfallen in Schweigen, das Band zwischen ihnen zerreißt, was Lois noch weiter von ihrem Vater und allem, worin sie sich mal wohlgefühlt hat, entfernt. Als sie volljährig wird, hält sie nichts in der tristen Gegend, sie zieht in die lebhafteren Bereiche der Stadt und versucht sich ein neues Leben aufzubauen, während der alte Konflikt im Hintergrund weiter schwelt.

In Taubenleben erzählt Lois aus ihrem Alltag. Die Gegenwart ist bestimmt von der Suche nach einem Partner oder auch nur einem guten Date, am Ende wohl vor allem danach, Bestätigung zu bekommen und sich gut fühlen zu können. Ohne schlechtes Gewissen. Und auch von ihrer Mutter, vielleicht gerade von dieser. Denn aus der Vergangenheit drückt viel auf Lois, immer wieder schalten sich Erinnerungen ein, immer wieder kommen Emotionen hoch, verdrängte, vergessene, nicht verarbeitete. Aus ihrer Kindheit, Jugend, auch aus ihrer vor Kurzem erst beendeten Beziehung. Kein Wunder, dass die Rückblicke in Taubenleben fast mehr Raum einnehmen als die Gegenwart.

Die Ich-Perspektive, aus der Lois erzählt, bestimmt den Roman komplett. Sie lässt die Leser:innen so nah an Lois heran, wie es nur geht. Diese Intimität zeichnet den Roman vor allem anderen aus. Denn sie geht ganz nah an Lois’ Schmerz heran, an ihre unverarbeitete Vergangenheit, aber auch an die Geheimnisse, die sie nie lüften konnte. Sie windet sich zwischen dem Wunsch, einfach glücklich zu sein und Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen, und dem schlechten Gewissen, das sich meist gleich darauf einstellt. Auch wenn die Gründe dafür oft im Dunkeln liegen. Hinzu kommt dann auch noch das penetrante Gefühl, sich selbst im Weg zu stehen.

Als sie weg ist, lege ich mich flach wie eine Flunder auf den Teppich vor meinem Sofa. Meine Gedanken fliegen in Fetzen umher, es fällt mir schwer, einen davon zu fokussieren, weil sie in so viele Richtungen schnellen. Auch wenn sie ja doch alle den selben Ursprung haben. Mich selbst.

Die zitierte Passage ist von außen betrachtet jetzt nicht gerade die superdeepe Einsicht, auf die die Welt gewartet hat. Wie Lois sich aber immer ein kleines Stück weiter auf eine Emanzipation von ihrer eigenen Vergangenheit zubewegt, ist genauso fesselnd wie ergreifend und auch immer wieder witzig.

Taubenleben gibt einen Einblick in eine Jugend in der Berliner Platte und typische Konflikte, die aus permanent angespannten Verhältnissen erwachsen. Sowohl zwischen den einzelnen Familienangehörigen als auch in jedem*r Einzelnen. Die Intimität ist genauso erdrückend wie spannend, die Protagonistin so eigen wie anschlussfähig. Ein Roman über die gerade viel beschriebene Generation Y und innere Konflikte, die allerdings nicht nur für Angehörige dieser Generation gelten.

Paulina Czienskowski: Taubenleben

Paulina Czienskowski

Taubenleben

Blumenbar

224 Seiten | 20 Euro

Erschienen im Februar 2020

Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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