Jonas Eika: Nach der Sonne

Der dänische Schriftsteller Jonas Eika bricht in seinem Erzählungsband Nach der Sonne (Hanser Berlin) mit der Tradition realistisch-zahmen Erzählens jüngerer Autor*innen und flirtet hart mit dem Magischen Realismus und Surrealismus.

Jonas Eika: Nach der Sonne

Bei den Erzählungen von Jonas Eika lohnt es sich ausnahmsweise mal, mit dem Dank anzufangen. Denn der ist hier sehr aufschlussreich, da Eika auch seinen literarischen Vorbildern ausdrücklich dankt. Unverkennbar sind beim Lesen Burroughs und Bolaño, zugegebenermaßen auch, weil ich die anderen nicht selbst gelesen habe. Aber die Namen gehen – mit dem Ausreißer Apostel Paulus – in eine klare Richtung: Clarice Lispector, Simone Weil usw.

Der schmächtige Beachboy auf dem Cover könnte der Protagonist der zweiteiligen, titelgebenden Erzählung »Bad Mexican Dog« sein. Sie handelt von einer Truppe Beachboys in Mexiko, die ihren Job mit verschiedensten Ritualen zu einem religiösen Habitus überhöhen und nebenbei Geld mit dem Erpressen von Tourist*innen verdienen. Diese Erzählung ist derart packend und mystisch, dass ich mir fast einen Roman daraus gewünscht hätte.

William Burroughs war hier unverkennbar literarischer Pate. Die Erzählung sprüht im wahrsten Sinne des Wortes vor Sperma, erigierten Penissen, Hintern und Sex. Eine Verbeugung vor Naked Lunch in der Nachmittagssonne von Cancún:

Am nächsten Morgen blicke ich also über den Strand mit den 480 Liegestühlen, 24 Reihen à 20. Sie erinnern an einen riesengroßen Bandwurm, jeder Stuhl ein eigenes Glied; oder an Ströme von Schmelzwasser, die über den Sand ins Meer fließen. Sie sind die Rippen der Küste.

»Bad Mexican Dog« lebt dabei, genau wie die anderen Erzählungen, von einer Wortmagie, die an den Magischen Realismus Süd- und Mittelamerikas erinnert. Alles scheint aufgeladen, die erotische Spannung wird immer weiter vertieft. Dass die Geschichte dabei immer wieder die engen Begrenzungen der schlichten Realität überschreitet, ist kein Wunder. Auferstehungen – Paulus?! –, Lichterscheinungen, Visionen – alles ist möglich im Kosmos von Nach der Sonne.

Die anderen Erzählungen drehen sich um einen vom Leben ermüdeten IT-Spezialisten, der plötzlich und unerwartet verführt und ins Leben zurückgeholt wird. Um ein altes Ehepaar, das in einem Städtchen nahe der Area 51 in den USA strandet und dort immer weiter in den Kosmos der ortsansässigen UFO-Gläubigen abdriftet. Und um eine Dreierbeziehung, in der die wechselseitigen Abhängigkeiten aller Beteiligten ihr Leben zur Hölle machen.

Jonas Eikas Erzählungen Nach der Sonne stechen erfrischend aus den realistisch-zahm-betroffenen Erzählungen heraus, die momentan die Neuerscheinungen in diesem Bereich, gerade auch bei jüngeren Autor*innen, überwiegen. Eikas Geschichten ist eine große Kreativität, ein großer Gestaltungswillen gemein, der durch den Band trägt. »Bad Mexican Dog« sticht sehr klar heraus, der Rest fällt ein wenig ab dagegen. Aber Jonas Eika macht definitiv Lust auf mehr.

Jonas Eika

Nach der Sonne

Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein

Hanser Berlin

160 Seiten | 20 Euro

Erschienen am 17.8.2020

Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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