Yrsa Daley-Ward: Alles, was passiert ist

Über wirklich Alles, was passiert ist schreibt Yrsa Daley-Ward in ihrem literarischen Memoir, das 2019 in der deutschen Übersetzung bei Blumenbar erschienen ist. Viel zu lange stand diese literarische Perle unbeachtet in meinem Regal.

Daley-Ward: Alles, was passiert ist

Yrsa Daley-Ward, deren eindrucksvolles Profil wir auf dem Cover dieses Buches sehen, ist Feministin, Model, Autorin und wurde vor allem durch ihre Gedichte, die sie auch auf Instagram teilt, bekannt. In Alles, was passiert ist zeigt sie sich ebenfalls von ihrer poetischen Seite und schreibt in mal längeren, mal kürzeren Absätzen über ihr Leben. Interessant dabei ist, dass sie eine personale Erzählstimme wählt, stets von »Yrsa« berichtet und somit untypisch für ein Memoir eine gewisse Distanz aufbaut.

Yrsa ist Tochter einer jamaikanischen Mutter und eines nigerianischen Vaters. Letzteren lernt sie jedoch nie kennen, er bleibt bis zu seinem Tod ein abwesendes, aber für Yrsa idealisiertes Familienmitglied. Da ihre Mutter massive Probleme hat und stets an gewalttätige Lebenspartner gerät, wächst Yrsa zusammen mit ihrem kleinen Bruder bei den Großeltern in Nordengland auf, welche den streng gläubigen Adventisten angehören, was das Leben für die beiden Kinder nicht immer leicht macht. Dennoch scheinen die Geschwister eine den Umständen entsprechende glückliche Kindheit zu haben, die allerdings nie frei ist von Alltagsrassismen.

Die Jungs führten eine Liste mit den fünfzehn schönsten Mädchen in der Klasse. […] Alle waren sich einig, dass ich nicht auf die Liste gehörte, weil ich der Coole Schwarze Kumpel war, kein Mädchen, mit dem man geht, ist doch klar, sondern der Coole Schwarze Kumpel mit supercoolen Frisselhaaren.

Als Yrsa älter wird und zum ersten Mal eigenes Geld verdienen will, beginnt sie als Model in London unter prekären Bedingungen zu arbeiten. Es folgt eine Zeit als Escort, in der sie Freier mit besonderen Fetischen in deren Wohnungen besucht. All diese Jahre sind verbunden mit Alkohol, Drogen und Depressionen, die die Sprache im Buch immer düsterer werden lassen. Schließlich wagt Yrsa einen Neuanfang in Südafrika …

Wo in dem Stoff, aus dem wir gemacht sind, ist das Leben verborgen? Tragen wir es verkehrt herum?

Yrsa Daley-Ward hat ein beeindruckendes Gespür für Sprache (und damit auch der Übersetzer Gregor Runge). Die kleinen Episoden, Vignetten und längeren Erzählungen in Alles, was passiert ist sind stets poetisch verpackt, ohne verkünstelt zu sein, ohne den Plot zu vereinnahmen. Schleichend ändert sich die Tonalität des hoffnungsvollen kindlichen Blickes zu Beginn des Buches hin zu einer ermatteten, resignierten Perspektive am Ende. Verstärkt wird die Sprachfertigkeit der Autorin durch das Layout des Textes, welches immer mal wieder Lücken lässt, abbricht und genau wie Yrsas Leben variiert und schwankt.

So holt Yrsa Daley-Ward uns ganz nah an sich heran, wird sehr persönlich, und schreibt ein faszinierendes wie erschütterndes Memoir.

Yrsa Daley-Ward: Alles, was passiert ist (Cover)

Yrsa Daley-Ward

Alles, was passiert ist
Aus dem Englischen von Gregor Runge

Blumenbar

240 Seiten | 20 Euro

Erschienen am 12. April 2019

Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Beruflich bin ich im Sachbuch unterwegs, nach Feierabend widme ich mich dann der Belletristik und schreibe hier über meine Lektüren.

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