Hervé Le Tellier: Die Anomalie

Was ist Realität? In Die Anomalie von Hervé Le Tellier wird die philosophische Frage durch einen ungeheuren Zwischenfall ins Alltagsbewusstsein katapultiert. Ein unterhaltsamer Roman mit kritischen Zwischentönen.

Hervé Le Tellier: Die Anomalie

Eine Air-France-Maschine vor dem Beginn des Landeanflugs auf New York. Ein alltäglicher Vorgang, der Pilot checkt die Instrumente, nichts zu Aufregendes. Doch dann, plötzlich, zieht ein Gewitter auf, das zu ungeheuren Turbulenzen führt. Sehr untypisch, aber der Pilot bringt die Maschine durch. Glück gehabt. Doch als dann plötzlich Kampfflugzeuge auftauchen und sie auf eine abgelegene Militärbasis geleitet werden, wird klar, dass doch nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Die Anomalie von Hervé Le Tellier nutzt ein klassisches Mittel der Science Fiction oder auch der utopischen wie dystopischen Literatur, nämlich eine kleine Verschiebung in der Realität. Anhand dieser Verschiebung, dieses fiktionalen unerhörten Ereignisses, wie Goethe es genannt hätte, kann der Roman dann spielerisch exerzieren, an welch seidenen Fäden unsere Realität so hängt.

Der Roman setzt dabei das alte literarische Motiv des Doppelgängers auf eine neue Weise um. Hier ist es nicht eine Person, die plötzlich ihr genaues Abbild entdeckt. Hier ist es ein Flugzeug, eben jene anfangs kurz beschriebene Air-France-Maschine, die nach ihrer planmäßigen Landung im März 2021 noch einmal im Juni des gleichen Jahres landet. Mit der exakt gleichen Besatzung, den exakt gleichen Menschen an Bord, die nun doppelt existieren. Aus einer Vielzahl von Perspektiven beschreibt der Roman dann die Folgen des Ereignisses.

Im Gänsemarsch bewegen sich die Passagiere zwischen zwei Reihen bewaffneter Soldaten in gelber Schutzkleidung Richtung Hangar. Sie durchqueren ein Portal mit Radioaktivitätsdetektoren, eine antibakterielle Schleuse und tröpfeln einer nach dem anderen unter eine gewaltige Kuppel; eine Phalanx von Soldaten nimmt ihre Namen auf, ihre Vornamen, ihre Sitznummern. Nur wenige protestieren.

Da wäre also einmal der Staat, die USA unter Donald Trump. Auf militärisch-operativer Ebene gibt es zahlreiche Protokolle, hunderte für alle möglichen Fälle, doch keins greift. Außer dasjenige, das allein greift, wenn keines der anderen es tut. Was natürlich so nie vorgesehen war. Der Apparat kommt an seine Grenzen. Auch der Präsident kommt an seine Grenzen, da es anscheinend keinen Schuldigen für die Situation gibt. Russland und China scheinen kaum dafür verantwortlich zu machen zu sein.

Und da sind die Passagiere. Diejenigen, die bereits im März gelandet waren, beim ersten Flug, und eben diejenigen, die im Juni landen. Genau die gleichen, die im März gelandet waren. Doch diese sind bereits drei Monate weiter, nicht mehr identisch mit ihrer früheren Version. Wer ist hier nun Original, wer Kopie? Was ist mit den Kindern der Menschen, die nicht gedoppelt wurden. Wer ist Mutter, wer Vater? Und wer kriegt die Versicherungssummen, die beide gleichermaßen erarbeitet haben, als sie noch eins waren?

Es ist die Stärke von Die Anomalie, die oft sehr abseitigen Fragen sehr organisch durch die klug angelegten und ineinander geschachtelten Stränge aufzuwerfen. Auch die Ebene der ganz individuellen Situationen der Betroffenen wird nicht ausgespart, auch wenn es hier etwas dünner wird. Vor allem geht es dem Roman aber um das Aufzeigen der feinen Stränge, an der unsere Realität, und damit wir, ohne doppelten Boden hängen. Wie fragil das Gesamtkonstrukt ist, in dem wir Tag für Tag unser Leben führen.

Auch an Kritik spart der Roman nicht. Diese wirkt zwar manchmal etwas zu einfach, wenn etwa Donald Trump als Idiot vorgeführt wird. Auch das Gespräch von US-amerikanischen Religionsführern ist zugegebenermaßen etwas zotig, aber trotzdem entbehrt es beiden Beispielen nicht an Sinn für die brisante Lage. Wenn diese Lage zum Ende hin dann eskaliert, erinnert dies frappierend an unseren Alltag – der bekanntlich komplett ohne gedoppelte Flugzeuge auskommt. Das ist des Pudels Kern: Es braucht kein unerhörtes Ereignis, um alles ins Wanken zu bringen. Die Welt ist bereits in ihrem heutigen Normalzustand derart destabilisiert, dass deutlich weniger reichen würde, um sie aus der Bahn zu werfen.

Stilistisch sind die einzelnen Stränge und Hauptkapitel sehr unterschiedlich. Die persönlichen Stränge sind eher konventionell geschrieben und erzeugen zum Teil Spannung wie ein Thriller. Das ist nicht immer so gelungen, so kam mir der Auftragsmörder-Plot, mit dem der Roman beginnt, reichlich platt und ausgetreten vor. Durch den Mix der sehr unterschiedlichen personalen Stränge mit Vernehmungsprotokollen und anderem Material werden diese Schwächen aber gut abgefangen, sodass sie am Ende nur stellenweise ins Gewicht fallen.

Die Anomalie veranschaulicht durch ein klug gewähltes Setting und eine gut balancierte Konstruktion, wie fragil das Konstrukt unserer Realität ist. Im Roman wird es mutwillig aus der Bahn gerissen, um zu Schlingern und zu Schaukeln. Die Ähnlichkeit zu Krisen unserer Zeit ist dabei so frappierend, dass der Roman nachdenklich macht: Was braucht es wirklich, um unsere Welt aus der Bahn zu werfen?

Hervé Le Tellier

Die Anomalie

Aus dem Französischen von Jürgen und Romy Ritte

Rowohlt Hundert Augen

352 Seiten | 22 Euro

Erschienen im August 2021

Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

2 Kommentare

  1. Klingt spannend. Ich mag ja dieses Genre total. Dieses Buch kannte ich vorher noch nicht, daher danke ich dir recht herzlich für diese Vorstellung.

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