Barbi Marković: Die verschissene Zeit

Ein Vorort von Belgrad in den 1990ern. Es gibt schönere Orte zum Aufwachsen. Und bessere Zeiten. In Die verschissene Zeit schickt Barbi Marković drei Jugendliche auf einen durchgeknallten Trip quer durch die »Allneunziger«.

Barbi Marković: Die verschissene Zeit

Bei manchen Büchern macht es einfach klick. »Don’t judge a book by its cover« und so, klar. Zuletzt hat ja auch Im Park der prächtigen Schwestern bewiesen, dass sich hinter dem furchtbarsten Titel und einem sehr beliebigen Cover ein perfektes Buch verstecken kann. Aber manchmal ist das Match einfach so direkt, dass es keine Zeit zum Überlegen lässt. Es klickt im Kopf und ich weiß, dass ich ein Buch einfach lesen will, weil alle Knöpfchen gedrückt werden. Erstmal nur von Titel und Cover, aber das ist ja schon mal ein ziemlich guter Anfang.

Genau so war es bei Die verschissene Zeit von Barbi Marković. Cover und Titel sind mir gleich in die Glieder gefahren, die Entscheidung war in Sekundenbruchteilen gefallen. Ich verzichte ja meistens darauf, die Marketingtexte und Biografien zu lesen bzw. mehr als nur einen schnellen Scan zu machen – das erhält die Überraschung beim Lesen und war auch gar nicht nötig.

Was haben mir Cover und Titel also gesagt? Dass es um ein Buch gehen muss, das von einer Autorin kommt, die ungefähr so alt ist wie ich, mit den ähnlichen popkulturellen Dingen aufgewachsen ist und Humor hat. Genau das zeigt sich dann auch im Roman. Die verschissene Zeit spielt in den 1990er Jahren, dem irgendwie kaputten Jahrzehnt, in dem auch ich meine Jugend verbracht habe. Allerdings sind die Vorzeichen hier doch nochmal ziemlich andere als bei mir, denn der Roman spielt in Belgrad, also in Serbien, wo 1999 der Kosovokrieg tobt. Egal, wo man nun Opfer und Aggressoren verortet – für die Kinder, die in dieser Zeit aufwachsen, eine traumatisierende Zeit.

Nun geht es in Die verschissene Zeit aber nicht einfach um das Jahrzehnt nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, des Untergangs Jugoslawiens und wie schwer es gerade die Kinder damit hatten. Der Roman katapultiert drei Jugendliche quer durch die Zeit. Ja genau, es geht um Zeitreisen, die von einem ziemlich bekloppten jugonostalgischen Erfinder ermöglicht werden. Dazu gibt es reichlich schräge Charaktere: Gangster, Bullys, Idioten, Stars – und massenweise Mitläufer und Möchtegerns. Aber allen sind zwei Dinge gemein: Sie kommen nicht einfach aus Belgrad, sondern aus Banovo brdo, dem Armenhaus der Stadt, und Fluchen ist ihre Leidenschaft.

»Fick die Scheißlobby, geh in den Schwanz«, hallt es durch die leere Garage in der Diplomatensiedlung. Ihr habt es zwar hineingeschafft, ihr habt den Porsche aufgesperrt, aber damit ist das Wichtigste noch nicht erreicht. »Nichts Sinnvolles wurde mir beigebracht, immer nur Beine kreuzen und Menstruation verstecken«, schreit Kasandra, die ohnehin einen schlechten Tag hat und gerade zusätzlich festgestellt hat, dass sie auch mit 20 noch nicht Auto fahren kann.

Dass der Roman aus der zweiten Person erzählt wird, die Hauptfigur Vanja wie auch die Gruppe aus Vanja, ihrem Bruder Marko und der Freundin Kasandra direkt angesprochen werden, bringt eine Frische und auch eine gewisse Geborgenheit mit sich. Das Fluchen ist dagegen ziemlich gewöhnungsbedürftig. Nicht weil es sehr derb ist, sondern wohl direkt aus dem Serbischen übersetzt wurde, was im Deutschen nur so mittelgut funktioniert. Vielleicht braucht man hier zumindest rudimentäre Kenntnisse in slawischen Sprachen? War für mich auf Dauer jedenfalls eher ermüdend.

Auch der Plot kommt nicht so wirklich in Gang – trotz allen durchgeknallten Figuren und Einfällen, allen popkulturellen Referenzen und kritischen Seitenhieben, die die 1990er Jahre nochmal in ein aktuelles Licht rücken und dem Roman Tiefe geben. Feminismus und Antiziganismus sind wichtige Themen, die auch überzeugend und mit Nachdruck vermittelt werden. Aber es will sich in dem grundsätzlich als Abenteuerroman angelegten Buch einfach kein Zug einstellen. Da kommen einem die eng gesetzten Seiten des Romans gleich noch viel größer und länger vor. Immer mal wieder schießt eine Szene raus, funktioniert richtig gut und macht Spaß – um dann wieder in Nebenschauplätzen und zu langen Passagen zu versanden.

Die verschissene Zeit glänzt mit einem schrägen Porträt eines kaputten Landes von ganz unten, aus den ärmsten Bevölkerungsschichten. Weirde Gangster und Keinkriminelle, Realitätsflüchtlinge und vernachlässigte Jugendliche bevölkern den Roman und halten ihn am Leben. Denn leider kann der Plot alle Einfälle, alle geübte Kritik und die vielen Referenzen nur schwer zusammenhalten, immer wieder zerfasert der Roman und schafft es auch nicht, auf andere Weise durchgängig zu fesseln. Schade, aber es stechen immer wieder fabelhafte Szenen heraus, die die Durststrecken vergessen machen.

Barbi Marković

Die verschissene Zeit

Residenz Verlag

304 Seiten | 24 Euro

Erschienen im August 2021

Kategorie Blog, Indiebooks, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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