Markus Thielemann: Zwischen den Kiefern

Aussteigen, einfach weg sein, in den Wald, irgendwohin. Markus Thielemann legt seinen Roman Zwischen den Kiefern um verschiedene Aspekte dieser Vorstellung, die für uns Städter zwischen Wunsch und Albtraum oszilliert.

Markus Thielemann: Zwischen den Kiefern

Sörens Eltern haben sich getrennt, er zieht mit seiner Mutter raus aufs Land. Und Land heißt hier so richtig Land, mit Handyempfang nur in der allerletzten Ecke des Dorfs und absolut nichts zu tun. Er hatte schon vorher emotional dicht gemacht, jetzt schließt er auch noch die letzte Pforte und verbarrikadiert sich in seinem Zimmer. Pubertät plus Verdrängung führt eben selten zu guten Ergebnissen.

Mia dagegen kennt ihre Mutter nicht. Sie ist mit ihrem Vater Kasimir aufgewachsen und kennt nichts anderes als das Leben mit ihm. Das ist aber noch deutlich ungewöhnlicher als das leider allzubekannte Teenie-Drama von Sören: Sie lebt mit Kasimir in den Wäldern rund um das Dorf, in das Sören gezogen ist.

Dort ziehen sie alle paar Wochen in andere Lager, um nicht entdeckt zu werden, und kämpfen täglich ums Überleben – sowie gegen den umweltzerstörerischen Kapitalismus um sie herum. Kasimir hat sich zu einer Art Guru ohne Gemeinde entwickelt, Mia ist – ebenso pubertär wie Sören – nur noch bedingt für seine Theorien empfänglich. Als sie Sören durch einen Zufall entdeckt und mit in ihr Lager nimmt, entspinnt sich ein wandlungsreicher Plot um die beiden und Kasimir.

Der Wald summte leise, Mückenschwärme schwirrten um die beiden Wanderer. Fernes Zirpen von Grillen. Lichter und dichter Kiefernbewuchs wechselten sich ab, Sören schwitzte und es juckte ihn. Er versuchte, sich die Erde von der Haut zu reiben, ließ es aber, als er merkte, dass die Mücken die Stellen in Ruhe ließen, die mit Erde bedeckt waren. Einmal setze sich ein weißer Schmetterling auf seine Schulter und bewegte langsam die Flügel wie zum Test.

Zwischen den Kiefern von Markus Thielemann verbindet in der Geschichte von Mia und Sören Coming-of-Age und Umweltaktivismus, changiert zwischen einer möglichen Liebesgeschichte und dem ständigen Hinterfragen des Status quo – egal ob Aussteigerin oder ehemaliger Städter. Durch die Verknüpfung der beiden bis dahin komplett unterschiedlichen Lebenswege gelingt es dem Roman, beide Seiten in ein durchaus kritisches Licht zu rücken, ohne zu einseitig zu werden.

So verfolgen wir, wie Sören abseits von seinem Handy, das zuvor praktisch alles für ihn war, aufblüht. Es war für ihn Sozialleben, Unterhaltung und alleinige Informationsquelle in einem. Ohne sein Handy bzw. Handyempfang begann er, in den Alkoholismus abzurutschen, da ihm jegliche Stimuli im neuen Leben auf dem Land fehlten. Im kargen Waldleben bekommt er dagegen zum ersten Mal einen Eindruck davon, was sinnvolle Tätigkeiten sind.

Mia dagegen gelingt es durch den Kontakt zu Sören, ihr Leben zum ersten Mal wirklich zu hinterfragen. Sie hatte zuvor fast nie mit anderen Menschen zu tun, sodass es ihr einfach an Gegenbeispielen fehlte, anhand derer sie sich selbst und ihren Vater hätte kritisieren oder auch nur ins Verhältnis setzen können. Auch sie war ohne Sören tief frustriert mit ihrem Leben, da sie nicht ausmachen konnte, weshalb sie so unglücklich war.

Stilistisch ist Zwischen den Kiefern, dem Leben im Wald angepasst, eher schlicht, konzentriert sich auf einfache, klare Sätze, die aber hier und da doch etwas zu lang und adjektivbeladen sind. Die vielen Beschreibungen wirken manchmal etwas wie ein Flirt mit dem Nature Writing, das ja nach wie vor ziemlich im Trend ist. Die Mischung aus Walden und Coming-of-Age-(fast)-Liebesgeschichte zieht meistens, der Roman funktioniert als Abenteuerroman gut, wobei die Kritik zwischen den Welten doch tendenziell etwas flach kommt.

Wirklich geärgert hat mich allerdings die komplett unterirdische Satzgestaltung des Romans. Die Absätze wurden wie mit der Schrotflinte verteilt, mal so, mal so, es gibt keinerlei System. Das ist frustrierend und stört das Lesen durchgängig. Ansonsten ist Zwischen den Kiefern ein ganz unterhaltsamer Roman, der das Thema Umweltschutz und Kapitalismuskritik etwas zahm und ein wenig zu konstruiert umkreist.

Markus Thielemann

Zwischen den Kiefern

Katapult

304 Seiten | 20 Euro

Erschienen im Oktober 2021

Kategorie Blog, Indiebooks, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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