Kai Weyand: Applaus für Bronikowski

Kai Weyand Applaus für Bronikowski

Nies sollte mit Anfang Dreißig eigentlich mitten im Leben angekommen sein, so sieht es unsere Gesellschaft doch mit Anfang-Dreißig-Jährigen vor, oder nicht? In der Mitte steht Nies schon einmal, um ihn herum befinden sich jedoch lauter schwierige Verhältnisse. Seine Eltern sind, ohne Rücksicht auf ihn und seinen Bruder zu nehmen, nach Kanada ausgewandert, als Nies dreizehn Jahre alt war. Seitdem nennt er sich NC, No Canadian. Mit seinem Bruder verbindet NC nicht viel mehr als eine leider unauflösliche Verwandtschaftsbeziehung. Zu alledem wurde NC vor Kurzem auch noch von seiner Freundin Kornelia verlassen und im Berufsleben sieht es auch nicht gerade rosig aus. NC steht am Anfang des Romans eher orientierungs- und ankerlos in seiner Wohnung. Als er sich in die Stadt hinaustraut, findet er durch Zufall schließlich einen neuen Job, der seinem Leben wieder eine Richtung geben soll: Er beginnt, in einem Bestattungsunternehmen zu arbeiten. Dort lernt NC, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen und warum die Würde des Menschen auch über den Tod hinaus unantastbar ist. Aber vor allem lernt er sich selbst besser kennen und schätzen. Im Bestattungsinstitut wundert er sich zunächst über augenscheinlich unökonomische Dinge, wie das Waschen der Toten. Doch schnell realisiert er, dass diese Form von Würdigung eines Menschenlebens das Schönste ist, was er seit Langem erlebt hat. Die kleinen Dinge im Alltag sind es nun, die NC lächeln lassen. Doch der Job als Bestattungshelfer birgt nicht nur Freuden. NC muss sich mit starken Vorurteilen seiner Mitmenschen auseinandersetzen und einsehen, dass der Tod letztendlich auch nur eine Konsequenz des Lebens ist:

Bestattungsinstitut also. Bei dem Blick auf das zweieinhalbstöckige Gebäude dachte NC, dass das menschliche Leben im Grunde genommen eine Abfolge von Gebäuden war, in denen man sich aufhielt: Krankenhaus, Elternhaus, Kindergarten, Schule, […] Bestattungsinstitut. Und ganz am Ende auf dem Friedhof kam man dann noch unter einen Stein, den Grabstein.

Kai Weyand legt mit seinem nun schon dritten Roman eine unterhaltsame Geschichte vor, die vor allem durch ihren unsicheren Protagonisten besticht. Bei all seiner Ziellosigkeit ist NC dennoch ein Mensch, der sich auch tiefer gehenden Gedanken hingeben kann, vor allem solchen über Sprache:

Er wollte hinter das Geheimnis der Wörter kommen, wollte verstehen, was sie in ihrem Kern bedeuteten, warum manche so tief in einen eindrangen, als wären sie Messer, und manche an einem abprallten, als wären sie Gummibälle […] und warum man ihnen hilflos ausgeliefert war.

Das Nachdenken über und Experimentieren mit Sprache gelingt NC zwar nicht immer ganz perfekt, dafür nutzt er seine ausgeprägte Beobachtungsgabe, um Neues über die Menschen, aber auch Tiere in seiner Umgebung zu lernen. So ist er unglaublich fasziniert von einem kleinen Hund namens November, der nur noch drei Beine hat:

Vor allem November, der auf drei Beinen lief, als hätte er vier, beeindruckte NC. Der Hund war ein Künstler. Er zeigte etwas, das man nicht für möglich gehalten hätte: krank durch die Welt zu gehen, als wäre man gesund.

Auch in der Liebe scheint es in kleinen Schritten wieder bergauf zu gehen. Eine ganz besondere Verbindung pflegt NC zu einer Bäckereifachverkäuferin, die ihm ohne Kommunikation jeden Tag aufs Neue eine leckere Backware aussucht, welche NC dann wortlos entgegennimmt. Dieses „Verstehen-ohne-Worte“ wird im späteren Verlauf der Geschichte durch ein Aufeinanderprallen von Privatleben und Berufsalltag aufgelöst, wobei auch der titelgebende Bronikowski eine entschiedende Rolle spielt. Mehr sei aber an dieser Stelle noch nicht verraten.

Applaus für Bronikowski ist ein kurzweiliger, humorvoller Roman über einen Spätadoleszenten, der anfangs nicht so genau weiß, wo er hingehört, doch letzten Endes durch eine bemerkenswerte Auffassungsgabe seine Nische im Leben findet.

Kai Weyand Applaus für BronikowskiKai Weyand Applaus für Bronikowski

Kai Weyand

Applaus für Bronikowski

Wallstein Verlag

ISBN: 978-3-8353-1604-1

2015 erschienen

5 Kommentare

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  2. Wie schön, liebe Jule. Da lese ich deine Rezension von „Ein Brautkleid aus Warschau“ und stoße dabei auf diese Rezension. Der Roman ist zwar nicht neu, aber ich habe ihn mir erst vor wenigen Tagen ausgeliehen, weil der Autor im Herbst eine Lesung in meiner Stadt geben wird. Ich habe oft gelesen, der Roman sei sehr, sehr komisch. Würdest du dich dem anschließen? Humorvoll erwähnst du nur einmal in der Rezension.
    Dein Titelbild ist übrigens wirklich toll.
    Liebe Grüße,
    Christina

    • Liebe Christina,
      vielen Dank für das Lob! 🙂 Weyands Roman zählt nicht unbedingt zu meinen allerliebsten Lieblingsbüchern, aber es ist doch sehr kurzweilig. Und ja, für so ein von Hause aus eher düsteres Thema wie dem Tod verpackt Weyand das Ganze in einem sehr humorvollen Ton. Ich wünsche dir ganz viel Spaß bei der Lektüre und vielleicht kannst du mir dann ja berichten, wie es dir gefallen hat! 🙂

      Liebe Grüße
      Jule

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