Svenja Gräfen: Das Rauschen in unseren Köpfen

Wenn ein Buch schon das Wort „Rauschen“ in seinem Titel trägt, ist doch klar, dass es auch auf Poesierausch rezensiert werden muss. Und wenn dieses Buch mich dann zusätzlich auch noch in einen starken Leserausch versetzt, ist klar, dass das nur gute Literatur sein kann. Svenja Gräfen hat mit Das Rauschen in unseren Köpfen (Ullstein fünf) ihr literarisches Debüt geschrieben. Ich habe es gelesen und bin immer noch ganz aufgewühlt.

Svenja Gräfen: Das Rauschen in unseren Köpfen

Alles beginnt so einfach, so leicht, so typisch für eine Liebesbeziehung. Lene und Hendrik, beide Mitte 20, lernen sich durch Zufall und Lenes Mut in der Berliner U-Bahn kennen. Kurz darauf stolpern sie in eine junge Liebe. Alles ist so unglaublich intensiv zwischen den beiden, sie brauchen nur noch sich. Während sich die Welt draußen vor dem Fenster weiterdreht, liegen die beiden tagelang zusammen im Bett und halten sich, möchten jede freie Minute mit der anderen Person verbringen. Wie frisch verliebte Menschen eben so sind.

Wir versteckten uns, wir unterdrückten Lachanfälle, bis einer von uns es schaffte, Danke, nein, zu sagen. Wir gingen nicht raus, wir wussten nicht, wozu. Es gab keinen Grund. Wir hatten hier alles, was wir brauchten, das heißt: uns.

Doch diese unbeschwerte Zeit bekommt schnell Risse, als die beiden zusammenziehen und sich besser kennenlernen. Die erste Euphorie weicht und vor allem bei Lene wächst die Erkenntnis, dass zu einem Menschen auch immer eine Vergangenheit gehört, die sich nicht ewig ausklammern lässt.

Lene, aus deren Sicht wir die Geschichte des Paares erleben, ist behütet aufgewachsen. Ihre Eltern scheinen sich zu lieben und bieten Lene noch immer einen Ort der Sicherheit, an den sie stets zurückkehren kann. Mit ihrem Bruder Jaro hatte sie seit jeher ein enges Verhältnis, das sich zwar etwas ändert, als dieser mit Lenes bester Freundin und Mitbewohnerin Hannah zusammenkommt. Aber dennoch: Lenes Background ist ziemlich tadellos und eine starke Stütze für ihr Leben.

Anders sieht es bei Hendrik aus. Er ist in einem kleinen Ort in Küstennähe aufgewachsen. Seine Eltern wollten dort nicht bleiben, aber als der Großvater stirbt, muss jemand die Firma übernehmen. Hendriks Vater steht in der Pflicht und kann diese Last nicht tragen. Er wird depressiv. Die Mutter versucht ein „normales“ Leben aufrecht zu erhalten, doch irgendwann verschwindet sie immer wieder für einige Nächte nach Hamburg, hat eine Affäre. Der Vater hält sein Leben irgendwann nicht mehr aus und setzt ihm ein Ende. Hendrik ist noch ein Kind und bekommt das alles mit. Es folgt der Umzug nach Hamburg und eine lange Zeit des Schweigens.

Hendrik verschließt sich, bis er Klara kennenlernt, seine erste große Liebe. Genau diese Beziehung, die ebenfalls von Tragik und Kampf geprägt war, und auch Hendriks Familiengeschichte lassen sich nicht so leicht abschütteln. Dieses Päckchen trägt Hendrik mit in die Beziehung zu Lene und offenbart immer mehr, dass auch er von depressiven Schüben gezeichnet ist. Lene versucht ihm zu helfen, verzweifelt redet sie sich ein, das alles gut wird und klammert sich an der Beziehung fest. Aber dann ist da noch die andere Frau, Klara. Plötzlich taucht sie wieder auf. Wahrscheinlich war sie nie weg, und Lene muss noch stärker kämpfen. Gegen die Unbekannte. Gegen die eigene Eifersucht. Dass da zwischen Hendrik und ihr irgendwann eigentlich nur noch die Idee einer Liebe zurückbleibt, will sie nicht sehen.

Das Rauschen in unseren Köpfen ist eine literarische Wucht. Svenja Gräfen beschreibt kleine Alltagssituationen und erzählt dabei gleichzeitig von den ganz großen zwischenmenschlichen Beziehungen. Schon lange habe ich mit einer Figur nicht mehr so mitgelitten wie mit Lene, deren Schmerz und blindes Festhalten an dieser Beziehung mir beim Lesen Gänsehaut bereitet hat. Die Autorin stellt in ihrem Debütroman eindrucksvoll heraus, wie die anfängliche Leichtigkeit einer Paarbeziehung schnell kippen und zu einer Last werden kann. Wie ein Mensch nie ohne die eigene Vergangenheit existieren kann. Und wie sich zwei Menschen gegenseitig Richtung Abgrund ziehen können.

Dabei erzählt Svenja Gräfen die Geschichte von Lene und Hendrik vollkommen ohne Pathos oder Kitsch. Eine ganz besondere Sprache zeichnet Das Rauschen in unseren Köpfen aus. Dass die Autorin außerhalb des Romanschreibens auch Poetry Slammerin ist, merkt man dem Buch ganz klar an. Die Sätze haben ihren eigenen Rhythmus, der mich beim Lesen in einen Rausch versetzt hat. Gräfens Sprache ist reduziert und poetisch zugleich. Eine Szene hat mich sprachlich besonders beeindruckt, nämlich die, in der Lene und Hendrik in der schon tragischen Phase ihrer Beziehung miteinander schlafen.

Dann schlafen wir verloren miteinander. Verloren, das heißt: Zunächst einmal suchen wir uns. […] Hendriks Augen Zentimeter von meinen entfernt, kein leerer Blick, einer der ersten Momente seit Langem, in denen sein Blick nicht leer ist. Darauf ein Lösen und Wegdrehen; das ist, wenn wir uns dann wieder verlieren.

Svenja Gräfen schafft es, die kleinen, aber entscheidenden Momente, die sich jeden Tag zwischen Menschen abspielen, einzufangen und sprachlich so umzusetzen, dass mir Lene und Hendrik unglaublich vertraut vorkommen. Das Rauschen in unseren Köpfen ist ein intensiver und lebensnaher Debütroman, der zeigt, dass junge Literatur berauschen und nachhaltig aufwühlen kann.

(Übrigens musste ich beim Lesen sehr oft an den Film Blue Valentine denken. Die Geschichte des Paares im Film ist natürlich eine ganz andere. Aber der Moment des Festhaltens an etwas, das eigentlich schon vorbei ist, kommt auch dort vor und hat mich ebenso mitgenommen. Eine Verfilmung von Das Rauschen in unseren Köpfen könnte ich mir by the way auch gut vorstellen.)

Weitere Rezensionen findet ihr u. a. auf Buchrevier und schonhalbelf.

Svenja Gräfen: Das Rauschen in unseren KöpfenSvenja Gräfen

Das Rauschen in unseren Köpfen

Ullstein fünf

ISBN 978-3-96101-004-2

Erschienen am 7. April 2017

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