Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz

Welchen Einfluss haben andere Menschen auf uns, was entscheiden wir wirklich selbst? Mareike Fallwickl geht in ihrem Debüt Dunkelgrün fast schwarz (Frankfurter Verlagsanstalt) anhand einer ungleichen Freundschaft dieser Frage nach. Es geht aber auch um Familie, Liebe und Glück in diesem bemerkenswerten Roman.

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz

Moritz und Raffael – oder Motz und Raf, wie sie sich gegenseitig nennen – sind sehr ungleiche Kinder und in gewisser Weise wie geschaffen füreinander. Moritz ist introvertiert und ruhig, synästhetisch und künstlerisch begabt. Er kommt aus einer heilen Familie mit liebenden Eltern. Raffael dagegen ist extrovertiert und rauflustig, wortgewandt und vorlaut, von möglichen Gefahren und Grenzüberschreitungen wie magisch angezogen. Seine Mutter ist überfordert und chaotisch, sein Vater nur selten auf dem Berg.

Denn die beiden wachsen in einem winzigen Bergdorf bei Hallein auf. Die Eltern hat es aus ganz ähnlichen, und doch wieder komplett unterschiedlichen Gründen dorthin verschlagen. Marie, Moritz‘ Mutter, zieht aus Geldnot mit ihrem Mann Alexander in das leerstehende Haus seiner Großeltern, während er weiter in Wien Medizin studiert. Sabrina, Raffaels Mutter, wird von ihrem Mann Christian im Dorf abgeladen, in einem sündhaft teuren Neubau, einem goldenen Käfig, um sie von den Versuchungen der Großstadt fernzuhalten. Beide kommen nicht von diesem Dorf, beide sind einsam und stoßen auf Ablehnung bei den Einheimischen.

Doch wieso wollen die beiden nicht zusammenfinden, wieso verbünden sie sich nicht gegen das Dorf und ihre dauerhaft abwesenden Ehemänner? So sehr sich Marie genau dies wünscht, so wenig kann sie es doch zulassen, kann nicht den entscheidenden Schritt auf Sabrina zu machen. Denn sowohl in ihr als auch in Raffael sieht oder vielmehr spürt sie gleich zu Anfang, bei der ersten Begegnung, etwas. Etwas, was ihr Angst macht. Erst als sie beobachtet, wie Raffael seinen kleinen Bruder im Vorbeigehen in den Bauch tritt und sie dabei provozierend taxiert, kann sie das Gefühl näher eingrenzen. Sie hat Angst vor diesem Jungen, noch viel mehr vor dem Mann, der er mal werden wird, und vor seinem möglichen Einfluss auf Moritz. Die Freundschaft zwischen den beiden kann sie aber nicht verhindern, auch wenn sie es immer wieder versucht.

Moritz wendet den Kopf zu mir, sein Gesichtsausdruck schwankt zwischen Heiterkeit und Entsetzen. Er verschwindet mit dem Bub über die Anhöhe. Die Frau kommt auf mich zu, und obwohl ich den Drang verspüre, einfach wegzurennen, strecke ich ihr meine Hand entgegen. Sie schnippt die Zigarette zu Boden und tritt mit dem Fuß darauf, ohne hinzusehen. Ihre Hand ist warm.

Aus diesem Setting spannt Mareike Fallwickl in Dunkelgrün fast schwarz einen Bogen in die Gegenwart. Von 1984 bis 2017 erstrecken sich die erzählten Passagen und greifen dabei in Erinnerungen der Protagonisten noch weiter in die Vergangenheit zurück. Marie, Moritz und Johanna, die die Freundschaft zwischen Moritz und Raffael zu einer Dreierkonstellation erweitert, rücken in einzelnen Kapiteln in den Fokus, die wiederum zwischen verschiedenen Zeitpunkten springen. Nur die Kapitel von Marie werden aus der Ich-Perspektive erzählt, Moritz und Johanna aus personaler Perspektive in der dritten Person.

Diese Art der Komposition ist der große Clou von Dunkelgrün fast schwarz, zusammen mit einer einfühlsamen Sprache, die uns auch in der dritten Person unglaublich nah an die Figuren heranlässt. Die Themen, die sich aus der Figurenkonstellation entwickeln und im Roman im Mittelpunkt stehen, sind vielfältig und für praktisch alle Leser*innen anschlussfähig: die familiäre Beziehung zwischen Mutter und Sohn, die erste große Liebe, die Enttäuschung beim Scheitern dieser Liebe sowie die Freundschaft zweier Kinder, die zusammen erwachsen werden. Mareike Fallwickl schafft es, keine der Figuren eindimensional zu zeichnen, lässt sie alle zu glaubhaften und lebendigen Personen werden, deren tiefste Geheimnisse im Laufe des Romans langsam immer weiter hervortreten.

Dunkelgrün fast schwarz erreicht damit einen Grad an Spannung, der sich vor einem Thriller keineswegs verstecken muss, ohne dabei reißerisch oder plump daherzukommen. Das heißt nicht, dass die Autorin die Mittel von spannungsgeladenen Krimis nicht kennen und behutsam einsetzen würde. Cliffhanger gibt es schon ein paar – sie wirken aber nie aufgesetzt oder zu offensichtlich kalkuliert. Beschleunigung und Verlangsamung der Handlungsstränge wechseln sich gekonnt ab, immer wieder werden wir aus der anziehenden Gegenwartshandlung in die Vergangenheit zurückgeworfen, um noch tiefer in die Hintergründe einzutauchen und dann umso erwartungsvoller in die Gegenwart zurückzukehren. Und die Erwartungen werden nicht enttäuscht.

Natürlich lassen sich auch Worte der Kritik anbringen. So werden fast durchgängig schwache Frauencharaktere gezeichnet, die der sexuellen Anziehung von Männern, also Raffael und dessen Vater Christian, wehrlos ausgesetzt scheinen. Gegenbeispiele kommen nur am Rand vor. Oder auch Moritz’ Synästhesie, die in manchen Kapiteln übertrieben wird und mich hier und da doch etwas nervte. Aber diese Punkte sind nur Marginalien, sie können der Klasse von Dunkelgrün fast schwarz nicht wirklich viel anhaben.

Dunkelgrün fast schwarz ist ein absolut bemerkenswertes Debüt, das mich mit seiner durchdachten Komposition und der gekonnten Sprache kaum losgelassen hat. Die Charaktere bleiben im Gedächtnis, die Geschichte, die sich immer weiter verdichtet, bis die Spannung irgendwann fast unerträglich wird, ebenso. Und auch auf die Gefahr hin, dass die Autorin dies gar nicht gerne hören mag: Ich freue mich jetzt schon riesig auf ein zweites Buch von ihr!

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarzMareike Fallwickl

Dunkelgrün fast schwarz*

Frankfurter Verlagsanstalt

480 Seiten | 24,– Euro

Erschienen im März 2018


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