Michael Butter: »Nichts ist, wie es scheint«

Von den »Protokollen der Weisen von Zion« über JFK und 9/11 zu Chemtrails und der NWO: Michael Butter untersucht in seinem neuen Sachbuch »Nichts ist, wie es scheint«. Über Verschwörungstheorien (Suhrkamp) systematisch, wie der Glaube an Verschwörungen sich entwickelte und zu dem wurde, was heute in Teilen wieder unsere Welt verändert.

Michael Butter: »Nichts ist, wie es scheint«

In Ungarn werden die aktuellen Gesetzesänderungen gegen das Grundrecht auf Asyl und den Zuzug von Migranten auch gerne das »Anti-Soros-Paket« genannt. Hintergrund ist, dass die Regierung Orbán den gebürtig ungarischen US-Milliardär George Soros beschuldigt, durch die Finanzierung von humanitären Organisationen den ungarischen Staat unterwandern zu wollen, ja eigentlich sogar die Migrationskrise mutwillig herbeigeführt zu haben. Zur »Umvolkung« des Abendlandes natürlich, und hier winken dann auch die rechten Gartenzwerge von der AfD kräftig aus Deutschland rüber, Seehofer nickt zumindest mal.

Hört sich haarsträubend an? Ist es auch. Und doch hat hier eine (für uns) glasklare Verschwörungstheorie die Macht, zur Rechtfertigung für die Gesetze eines Mitgliedsstaats der Europäischen Union zu werden. Ob Viktor Orbán und seine Regierung wirklich an diese Verschwörung glauben, weiß natürlich niemand. Dies ist aber vollkommen zweitrangig, allein die Wirkung lässt sich messen. Genau wie im Falle Donald Trumps, der in der Endphase des amerikanischen Wahlkampfs verschiedenste Verschwörungstheorien oder deren kleine Brüder – die Verschwörungsgerüchte – aufgriff, um damit von gesellschaftlichem Abstieg bedrohte Menschen hinter sich zu bringen. Ob er an diese Theorien und Gerüchte selbst glaube, vermied er aber wohlweislich zu erwähnen.

Beide Fälle zeigen, wie im aktuellen politischen Geschehen Verschwörungstheorien und -gerüchte zur Stimmungsmache instrumentalisiert werden. Damit sind sie wirkmächtige Instrumente, was zumindest in der westlichen Welt bis vor Kurzem noch eher undenkbar war. Auch wenn sich ernstzunehmende Politiker noch tunlichst davor hüten, offen den Glauben an eine Verschwörungstheorie zu verkünden, sind diese doch im Diskurs präsent. Zwar meist eher untergründig, aber doch wahrnehmbar. Vor allem, wenn man mal die Kommentare und Foren zu aktuellen Meldungen und Entwicklungen im Internet und den Sozialen Medien anschaut.

Michael Butter zeichnet in seinem Buch »Nichts ist, wie es scheint«. Über Verschwörungstheorien ein detailliertes Bild der Entwicklung, an deren vorläufigem Ende wir gerade stehen. Dabei geht es ihm nicht darum, pauschal zu urteilen. Zu einfach ist es, Anhänger von Verschwörungstheorien einfach zu pathologisieren, sie also praktisch für geisteskrank zu erklären, wie oft in der Vergangenheit geschehen. Um dies zu vermeiden, untersucht Butter die Geschichte der Verschwörungstheorien vom Mittelalter bis heute, definiert sie genau, um sie von anderen Phänomenen abzusetzen, und zeigt ihre Konjunkturen und Schwankungen in ihrer Legitimität über die Zeit und die Kulturen auf.

Als grundlegendes Merkmal von Verschwörungstheorien stellt Butter den extrem vereinfachten Glauben an die fast unendliche Wirkmacht weniger Menschen heraus. Die Verschwörer, die sogenannten Eliten oder gerne auch einfach nur »die«, haben die Macht, den Verlauf der Geschichte komplett nach ihren Vorstellungen zu steuern und globale Phänomene wie die aktuelle Migrationskrise, Ernteausfälle oder die Anschläge von 9/11 herbeizuführen. Zufall hat in diesem Weltbild keinen Platz, nichtintentionale Folgen von Handlungen ebensowenig. Alles passiert aus einem Grund, alles ist verbunden. Und hier sind wir auch wieder beim Buchtitel: Versteckte Bedeutungen und Intentionen lauern hinter jedem noch so zufällig wirkenden Zeichen:

Da es eine Prämisse des konspirationistischen Denkens ist, dass nichts durch Zufall geschieht, ist für Verschwörungstheoretiker potenziell jedes Detail bedeutsam, auch – oder gerade – weil es für Nichtverschwörungstheoretiker nichts mit den Ereignissen zu tun hat, um die sich die Verschwörungstheorie dreht.

Eifrige Leser unseres Blogs werden sich an ein kleines aber feines Büchlein erinnern: Genau um dieses Flirren der Zeichen und die euphorischen Gefühle, die das geheime Wissen der Verschwörungstheorie bei den Eingeweihten hervorruft, dreht sich auch Jan Wehns Novelle Morgellon. Dieses euphorisierende Wissen um die geheime Simplizität der nur scheinbar komplizierten Welt ist es auch, das den Flirt des Populismus mit Verschwörungstheorien und -gerüchten so effektiv und gefährlich macht. Und natürlich Dinge wie Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Homo- und Trans*feindlichkeit usw., die sich ohne Probleme in praktisch jede Theorie miteinbinden lassen.

»Nichts ist, wie es scheint« bietet die wohl detaillierteste und unvoreingenommenste Untersuchung des Themas, die derzeit auf deutsch verfügbar ist. Gespickt mit Beispielen argumentiert Butter sachlich und präzise. Dabei bleibt er sprachlich immer vollkommen klar und verzichtet auf übermäßig viele Fremdwörter, sodass das Buch auch wunderbar zu lesen ist. Eine absolute Empfehlung für alle, die mehr über den unglaublichen Glauben an phantastische Verschwörungen wissen möchten.

Michael Butter: »Nichts ist, wie es scheint«Michael Butter

»Nichts ist, wie es scheint«. Über Verschwörungstheorien *

Suhrkamp Verlag

269 Seiten | 18,00 Euro

Erschienen am 12.3.2018


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