Marius Goldhorn: Park

Spröde as fuck kommt mit Park von Marius Goldhorn ein neuer Generation Y-Roman bei Suhrkamp, und zwar in der edition suhrkamp. Ein Widerspruch? Nein – oder wenn, dann ein guter. Soviel sei vorweggenommen.

Goldhorn: Park

Arnold lebt vor sich hin, macht mal hier was, mal da was. Am Ende irgendwie auch egal. Er ist viel zu Hause, vergräbt sich in seiner kleinen Wohnung in einem Berliner Plattenbau. Und starrt in sein MacBook. Oder auf sein iPhone. Irgendetwas gibt es immer zu recherchieren, nachzusehen, und wenn es einfach nur die Autoplay-Funktion von YouTube ist.

Andere Menschen trifft er hin und wieder, aber doch eher widerwillig. Zu sperrig scheint ihm der soziale Kontakt zu sein, auch wenn er sich durchaus auf einer WG-Party mal in ein Gespräch über irgendwelche nerdige Themen einschalten kann. Denn am Puls der Zeit, am Puls der Kids der 1990er ist er in jedem Fall. »So lebte er dahin«, könnte man Büchner zitieren und hier abschließen. Klingt nach einer runden Sache, nicht weiter spannend, aber ganz plausibel eigentlich. Doch dann kommt Odile.

Er trifft sie auf einer Party, sie werden so etwas wie ein Paar, doch dann zieht sie weg, erst nach London, dann nach Athen. Als sie ihn nach Monaten der Funkstille dorthin einlädt, packt Arnold seine sieben Sachen (iPhone, MacBook, Zahnbürste, vermutlich noch Schlüpper und Shirts, aber das ist nicht überliefert) und fährt über Paris nach Athen. Dort ist irgendwie alles anders, für kurze Momente aber auch manchmal wieder so wie früher. Bis ein Aufstand ausbricht und Arnold mitgerissen wird. Ein Katastrophe, die ihn von der digitalen Welt abschneidet.

Park ist für mich einer der wirklich guten jungen Debütromane der letzten Zeit, die sich ganz dem Leben der Millennials widmen, der späten Generation Y, deren Jugend schon von digitalen Medien geprägt war. Hier reiht er sich perfekt zwischen Flexen in Miami von Joshua Groß und Taubenleben von Paulina Czienskowski ein. Arnold steckt mindestens so tief in Platons Höhle wie Joshua aus Flexen in Miami und ist von mindestens so vielen Fragen und Unsicherheiten zerrissen wie Lois aus Taubenleben. Und lebt in einem Plattenbau wie dem, in den Lois immer wieder zu ihrer Mutter zurückkehrt.

Arnold nahm sein iPhone. Es war 17.03 Uhr. Er dachte: In drei Tagen bin ich in Athen. Er öffnete Google Maps, blickte auf die Karte und den blauen GPS-Punkt. Arnold dachte: Eigentlich bin nicht ich das, sondern mein iPhone. In 1,4 Kilometern Entfernung steckte die rote Nadel im Place de la Bataille de Stalingrad.

Die Sprache von Park ist eigenständig, wenn auch alles andere als im klassischen Sinne kunstvoll. Arnolds Geschichte wird extrem spröde erzählt, die Satzkonstruktionen sind kurz und repetitiv, das Grundvokabular klein. Damit verstärkt sich noch einmal die Eintönigkeit seines kleinen Lebens, das erst durch den Trip nach Athen aus seinen Fesseln gerissen wird. Auch wird der Kontrast dessen, was Arnold tatsächlich erlebt – fast nichts –, und dessen, was er virtuell konsumiert – praktisch alles, was es im Internet gibt –, immer deutlicher. Das Ende bringt dieses Ungleichgewicht dann endgültig aus der Fassung, lässt sein introvertiertes Kartenhaus in sich zusammenfallen. Und befreit unverhofft seine zuvor blockierte Kreativität.

Das klingt jetzt viel plakativer als es im Roman ist. Meiner Meinung nach zeichnet er sich gerade durch seine Schlichtheit aus, die durchaus mutig ist. Hier wird durchgezogen und auf den Höhepunkt hingearbeitet. Und gleichzeitig ist Park für mich der Roman der Generation Y, aus dem derzeit am deutlichsten die Sehnsucht nach Unmittelbarkeit beschrieben wird. Zwischen den spröden Zeilen schreit es einen förmlich an, wie sehr sich Arnold danach sehnt, in der Welt zu sein, im Moment zu leben, sich und seine Umwelt direkt zu erleben, mit ihr zu interagieren. Doch der vermittelte Zugang über das Internet und Devices scheint dies alles zu versperren, die Realität hinter immer mehr Fenstern verschwinden zu lassen, voller Reflexionen, Links und Glitches, sodass alles unerreichbar und aussichtslos erscheint.

Park von Marius Goldhorn ist ein ruhiger Roman voller Verzweiflung, der so spröde ist, dass man beständig zum Wasser greifen möchte, um nicht zu verdursten. Dieser Mut zur Form ohne große Schnörkel macht ihn zu einem starken Text und zu einem Kleinod der Sehnsucht nach der Welt jenseits der Displays. Das macht auch das etwas plakative Ende durchaus wett.

Goldhorn: Park

Marius Goldhorn

Park

Suhrkamp

179 Seiten | 14 Euro

Erschienen am 15.06.2020

Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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