Raul Zelik: Wir Untoten des Kapitals. Über politische Monster und einen grünen Sozialismus

Auch wenn sie gerade etwas aus dem Blick geraten ist: Die Klimakatastrophe droht weiterhin, nicht weniger als vor Corona. Raul Zelik denkt sie in Wir Untoten des Kapitals (Suhrkamp) mit der Krise der Demokratie zusammen und entwirft das Programm eines grünen Sozialismus.

Raul Zelik: Wir Untoten des Kapitals

Neben Vampiren und Werwölfen gehören Zombies zum festen Bestandteil des Horror-Werkzeugkastens. Meist können sich selbst die ernstesten Filmschaffenden bei einschlägigen Filmen oder Serien Seitenhiebe auf die Realität kaum verkneifen. Kein Wunder, dass das Zombie-Subgenre gerade auch bei Parodien und trashigen Horror-B-Movies extrem beliebt ist. Der Zombie an sich bietet einfach zu viel Potenzial zur Beschreibung kopflos agierender Menschen, um dies einfach ungenutzt liegen zu lassen.

Ganz so platt geht Raul Zelik in Wir Untoten des Kapitals zum Glück nicht vor. Seine Grundthese lautet, dass die Ökonomisierung unsere Gesellschaft mittlerweile komplett formt. Der Reichtum ist auf wenige Prozent der Weltbevölkerung konzentriert. Der Kapitalismus hat die Politik komplett vereinnahmt, sodass die politische Agenda auch in demokratischen Staaten immer in erster Linie der Wirtschaft gehorcht, deren unterliegende kapitalistische Logiken unhinterfragt bleiben. Für das Leben der Menschen bedeutet dies ebenfalls eine Ökonomisierung, die alle Bereiche auf die Anforderungen der Lohnarbeit ausrichtet und uns damit zu Untoten des Kapitals macht. Man mag hier aus libertärer Sicht einwenden, was man möchte: Es ist den wenigsten Menschen heute möglich, aus diesem System auszubrechen.

Verschlimmert wird das untote Leben dann noch durch politische Monster: Die Godzillas, Tarantulas und King Kongs der Politik sind wieder auf der großen Bühne angekommen. Schon lange mit Putin, doch mit Erdoğan, Trump, Johnson, Bolsonaro, Orbán, und wie sie nicht alle heißen, ist der nationalistische Chauvinismus zurück in der internationalen Politik. Ungeachtet von wissenschaftlichen Fakten möchten sie reaktionäre Regime aufbauen und mit ihnen die Fortschritte von Antirassismus, Feminismus, Antidiskriminierung und allgemein Gleichberechtigung und Minderheitenschutz zunichte machen. Sie werden unterstützt von breiten Allianzen, die ihre Privilegien in Gefahr sehen und das Patriarchat und die heteronormative Mehrheitsgesellschaft gestärkt sehen wollen. Egal auf welche Kosten – Stichworte: soziale Ungleichheit, Klimawandel, Diskrimierung.

Als Antwort auf diese Entwicklungen präsentiert Zelik einen grünen Sozialismus. Die entscheidende Frage lautet dann: Was kann ein grüner Sozialismus heute besser machen als seine historischen Vorgänger, die zwar hier und da Achtungserfolge erzielen konnten, am Ende aber alle gegen den Kapitalismus verloren und das zum Teil mit erheblicher Gewalt gegen die eigene Bevölkerung zu verhindern suchten. Nach einer Tour de Force durch die Geschichte der sozialistischen Systeme präsentiert Zelik dann ein überaus komplexes System, das Räte- und Wirtschaftsdemokratie als Reaktion auf die Krise der Repräsentation und das Ende des Wachstumsdogma verschränkt und die Natur als Produktionsmittel in alle Kalkulationen miteinrechnet.

Wir sind die Untoten des Kapitals. Die Eigentumsfrage bleibt der zentrale Hebel, um sich aus dieser Fremdbestimmung zu befreien. Trotz ihrer Irrungen und Verbrechen war die sozialistische Bewegung des 20. Jahrhunderts die einzige Kraft, die diese Verknüpfung von Eigentum, Macht und politischer Unfreiheit erkannt hat.

Stilistisch hält sich Zelik an Slavoj Žižek und verschränkt Popkultur mit politischer Theorie, um anschaulich in Problemlagen einzusteigen und diese dann immer weiter zu vertiefen. Er ist dabei deutlich weniger plakativ und provokativ als Žižek, streut aber hier und da durchaus kleine Anekdoten und Witze zur Auflockerung ein. Das tut gerade bei der Geschichte des Sozialismus auch Not, denn die ist notwendigerweise lang und trocken. Davon abgesehen schafft es Zelik aber sehr gut, seinen Punkt zu machen, ohne sich in Fachsprachen zu verlieren, die einen Bezug seiner Ausführungen auf eine zukünftige Realität immer schwerer machen würden.

Wir Untoten des Kapitals ist ein sehr guter Debattenbeitrag zur allumfassenden Frage, wohin wir auf unserem einzigen Planeten Erde steuern. Das ist notwendigerweise nicht einfach und von mir hier in diesem kurzen Artikel kaum akkurat dargestellt. Aber wir brauchen mehr Bücher wie diese, die progressive Möglichkeiten ausloten und dazu beitragen, die Meinungsbildung über das menschliche Zusammenleben in der Zuspitzung verschiedener Krisenherde zu bereichern. Auch wenn die politische Frustration angesichts des Politikbetriebs groß ist: Nur der Glaube an ein besseres (oder überhaupt vorhandenes) Morgen kann dazu antreiben, am Heute zu arbeiten. Das wusste schon Ernst Bloch, gerade scheint es aber wieder sehr aktuell zu sein.

Raul Zelik

Wir Untoten des Kapitals.
Über politische Monster und einen grünen Sozialismus

Suhrkamp

328 Seiten | 18 Euro

Erschienen am 22.6.2020

Kategorie Blog, Rezensionen, Sachbuch
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

Kommentar verfassen