Ronya Othmann: Die Sommer

Der syrische Bürgerkrieg, Flucht und Coming-of-Age finden in Ronya Othmanns Debütroman Die Sommer (Hanser) auf ebenso gnadenlose wie überzeugende Weise zusammen.

Ronya Othmann: Die Sommer

Leyla wächst in Deutschland auf, doch die Sommer verbringt sie im Land ihrer Eltern, in Syrien. Ihr zeigt sich dort ein einfaches Leben, fernab von den vielen Annehmlichkeiten, die in Deutschland allgegenwärtig sind. Eine Idylle, die sich gerade aus dem einfachen Leben speist, aus dem kargen Land, das doch so viel für die Menschen in jenem Dorf nahe der türkischen Grenze abwirft. Und dann sind da noch die êzîdische Religion und die kurdische Kultur, die für Leyla immer anziehender werden, je älter sie wird und je näher die Großmutter sie an beides heranführt.

Die jüngere Geschichte hat gezeigt, dass keines dieser Attribute ein leichtes ist. Kurd*innen werden vor allem von der Türkei verfolgt, Êzîd*innen sind als christliche Minderheit in der arabischen Welt extrem verfolgt, und dass Syrien seit der Machtübernahme von Baschar al-Assad kein Idyll mehr ist, sollte spätestens seit Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahr 2011 klar sein, der immer noch nicht befriedet ist. Konflikte überall, das Idyll rückt immer weiter in den Hintergrund, und mit ihr eine Welt, die Stück für Stück verloren geht und in Vergessenheit gerät.

Hätte ich damals schon gewusst, was noch kommt, dachte Leyla, ich hätte eine Kamera mitgenommen. Alle meine Sommer bei den Großeltern über hätte ich alles fotografiert. Jedes haus, jeden Stein, jede Pflanze im Garten. Ich hätte auch alles katalogisiert, eine riesige Datenbank hätte ich angelegt, 37° 05′ 27.5“ N 41° 36′ 55.4“ E hätte ich sie genannt, das waren die Koordinaten des Dorfes. Ich hätte das getan, dachte Leyla, damit nichts jemals verloren gehen kann.

Ronya Othmanns Debütroman Die Sommer ist ein Erlebnis. Ein Erlebnis, das einfach immer besser wird. Was als etwas langweilige Kindheitsidylle beginnt, nimmt langsam aber stetig Fahrt auf, aktiviert immer mehr der schwelenden Konfliktlinien des Dorfes und der Familie Leylas, um sie zu einem unwiderstehlichen Roman zu formen. Das wirklich Tolle dabei ist, dass Die Sommer nie Gefahr läuft, zu einem historischen Lehrstück zu werden, das die leidvolle Geschichte der Êzîd*innen möglichst mitleiderweckend nachzeichnen und vermitteln möchte.

Jegliche pädagogische Absicht geht dem Roman ab, er erzählt aus einer subjektiven Perspektive über eine Jahrhunderte zurückspannende Geschichte, die sich mit den aktuellen Konflikten um Migration und Flucht, um Identitätsbildung in einem Land, in das die Eltern eingewandert sind, und die Pubertät dreht. Natürlich bedient sich der Roman dabei einiger kleiner Kniffe, um die Situation der Êzîd*innen möglichst detailliert zu schildern, flechtet Erzählungen des Vaters und anderer Familienangehörigen ein, nutzt das Fernsehen, die Großmutter, die Verwandten, um das Panorama aufzuspannen. Doch ist dies alles so organisch verwoben, dass keine Brüche zwischen Leylas Geschichte und den eingewobenen Strängen entstehen, sondern sich alles sehr natürlich und unaufdringlich ergänzt.

Gerade die Vernetzung einer Coming-of-age-Geschichte mit den großen weltpolitischen Konfliktlinien ist gewagt. Umso mehr gewinnt Die Sommer von der ebenso weit umfassenden wie einfühlsamen Umsetzung, die den Roman immer weiter treibt. Weltpolitik schneidet sich mit Familiengeschichte, schneidet sich mit Fluchterfahrungen und Migration und mit dem Erwachsenwerden einer jungen Frau in Deutschland. Die personale Erzählung bleibt nah bei Leyla, doch schafft die gewählte Perspektive der dritten Person eine angemessene Distanz und gibt natürlich auch die Möglichkeit der familiären Exkurse. Es stand vielleicht nur nicht neben Deniz Ohdes Streulicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, weil es formal deutlich weniger ambitioniert ist. Das taugt für Die Sommer aber nicht als Kritikpunkt.

Ronya Othmann schafft in ihrem Debütroman Die Sommer einen beeindruckenden Rundumschlag, der ebenso persönlich und eng ist wie politisch weltgetränkt. Er vereint die Themen êzîdischer Religion und kurdischer Kultur, den syrischen Bürgerkrieg, Flucht und Migration mit dem Aufwachsen einer jungen Frau in Deutschland, mit all seinen gewöhnlichen und ungewöhnlichen Problemen. Er vereint dies auf organische Weise, die nie überambitioniert wirkt, was hier ein großes Lob sein muss. Ein toller Roman, der mit jeder Seite besser wird.

Ronya Othmann

Die Sommer

Hanser

288 Seiten | 22 Euro

Erschienen am 17.8.2020

Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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