Texte als Geschenk | »Literatur für das, was passiert«

Das Autor*innenkollektiv »Literatur für das, was passiert« sammelt mit Pop-ups auf Veranstaltungen Geld für Menschen auf der Flucht. Nicht so einfach im Pandemiejahr 2020, aber mit der Weihnachtsaktion im Literaturforum im Brecht-Haus geben sie noch einmal alles. Wir finden das klasse und haben uns mit Yael Inokai im Brecht-Haus unterhalten, um mehr über das Projekt zu erfahren – und uns natürlich einen Text schreiben zu lassen!

Literatur für das, was passiert
© Literatur für das, was passiert

Stefan: Zum Einstieg für alle, die euer Projekt noch nicht kennen: Wie ist die Idee zu dem Projekt entstanden, und wie ist es dann nach Berlin gekommen?

Yael: »Literatur für das, was passiert« wurde in der Schweiz gegründet von Gianna Molinari, Julia Weber und Ulrike Ulrich. Die Idee war, dass man mit Schreibmaschinen zu Veranstaltungen geht und da Texte auf Bestellung schreibt, um Geld für Menschen auf der Flucht zu sammeln. Das ist um 2015 herum entstanden, als Migration und Flucht ein sehr großer Diskurs waren. Isabel Wanger und Paula Fürstenberg haben die Aktion dann nach Berlin gebracht und hier einen Ableger gestartet.

Stefan: Wie seid ihr jetzt hier in Berlin organisiert, wie kommen zum Beispiel Autor*innen dazu?

Yael: Wir verstehen uns als Kollektiv. Alle, die schon dabei sind, versuchen andere dazuzuholen, zum Beispiel Freunde und Bekannte, die ebenfalls schreiben. Das passiert manchmal auch bei Veranstaltungen ganz spontan, aber jetzt gerade ist das natürlich eher seltener der Fall.

Stefan: Eigentlich seid ihr dann immer als Pop-up auf Veranstaltungen unterwegs, also hängt euch mit einem kleinen Stand mit ran?

Yael: Genau, wir haben dann meist einen Tisch mit einer Schreibmaschine, wo wir Textwünsche entgegennehmen und dann gleich umsetzen. Das klappt mal besser und mal schlechter. Es schwankt von Veranstaltungen, bei denen innerhalb von Stunden gerade mal drei Wünsche reinkommen, und anderen, wo die Menschen sehr interessiert sind, bestellen und viele Fragen haben.

Literatur für das, was passiert
© Literatur für das, was passiert

Juliane: Was war bis jetzt euer oder dein skurrilster Textwunsch?

Yael: Es gibt die ganze Zeit super skurrile Wünsche! Mein persönlicher Favorit ist immer, wenn Menschen sagen, dass sie gar nicht viele Vorgaben machen wollen, dann aber der Text eigentlich schon komplett vorgegeben ist und man gar nichts mehr hinzufügen kann. Ich selbst mag sehr gern Horoskope. Es gibt bei uns immer verschiedene Spezialist*innen, die zum Beispiel besonders gut Listen, Rezepte, Gedichte oder eben Horoskope schreiben und da ihre Nische gefunden haben.

Juliane: Rezepte oder Listen sind also auch gängige Wünsche?

Yael: Ja, zum Beispiel Rezepte für ein gelungenes 2021 oder Listen zu olympischen Sportdisziplinen für Schriftsteller*innen. Solche Sachen.

Stefan: Also gar nicht so sehr literarische Texte, sondern eher etwas Witziges?

Yael: Ja, es sind schon viele Wünsche dabei, die eher auf Pointe gehen. Letztes Jahr zum Beispiel sind aus irgendeinem Grund ganz viele Krimiwünsche gekommen. Da habe ich mir dann einen Spaß daraus gemacht, eine kleine Figur zu entwerfen und Mini-Krimis zu schreiben. Einen Krimi kann man ja auch in wenige Zeilen packen, das geht also durchaus. Das Tolle ist aber, dass es einfach wirklich großen Spaß macht, diese Art von Text zu schreiben.

Stefan: Wie kam denn eigentlich die Schreibmaschine dazu, war sie von Anfang an Teil des Konzepts?

Yael: Die Schreibmaschinen gehörten tatsächlich von Anfang an dazu. Es hat etwas von einem Polaroid – die Menschen kommen und können nach kurzer Zeit den fertigen, direkt auf’s Papier geschriebenen Text mitnehmen. Als das Projekt nach Berlin kam, war es tatsächlich auch eine größere Aktion, die Schreibmaschinen dafür zu besorgen, instand zu bringen und dann auch instand zu halten. Ich habe zum Beispiel eine ziemlich bockige, die immer wieder repariert werden muss. Man entwickelt dadurch eine Beziehung zu dem Gerät.

Stefan: Wie ist es denn für dich, Texte auf einer Schreibmaschine zu schreiben anstatt am Computer?

Yael: Einerseits hat es etwas sehr Befreiendes, weil man einfach weiterschreibt und den Text höchstens einmal überarbeitet. Andererseits ist es auch irgendwie anstrengend, mit einer Mechanik zu schreiben. Auf jeden Fall ist das Schreiben mit der Schreibmaschine sehr inspirierens und durchaus eine ganz andere Arbeit.

Literatur für das, was passiert

Stefan: Bekommt ihr viele Rückmeldungen auf eure Texte?

Yael: Manchmal kommen Menschen nochmal und bedanken sich. Die meisten Texte verschwinden aber eher geräuschlos. Wir behalten nur die Durchschläge, ab und an schauen wir sie dann nochmal durch und erinnern uns an einzelne Texte.

Stefan: Also gibt es schon ein Archiv?

Yael: Ja, es gibt ein Archiv. Ich habe mir auch ein paar Texte, die ich besonders gerne mochte, nochmal rauskopiert, denn sie verschwinden immer so schnell. Es sind aber einfach richtig schöne Texte dabei, die ich gerne nochmal ansehe und die mich dann an die jeweiligen Veranstaltungen erinnern.

Stefan: Okay, dann gehen wir nochmal zurück zur Organisation. Wie wählt ihr die Organisationen aus, für die ihr Geld sammelt?

Yael: Das ist tatsächlich nicht immer so einfach. Zum einen wollen wir natürlich eine Öffentlichkeit generieren, das geht am besten über eine Organisation, die viele Menschen kennen oder mit der sie schnell etwas Bestimmtes assoziieren. Zum anderen liegen uns aber manchmal kleinere Organisationen sehr am Herzen. Diesmal haben wir beides zusammengebracht und mischen mit Ärzte ohne Grenzen eine sehr bekannte Organisation mit Neue Nachbarschaft Moabit, die wohl weniger Menschen schon ein Begriff ist, aber sehr wichtige, lokale Arbeit leistet. Das kann man dann sehr schön zusammenzubringen.
Wir versuchen immer, zwischen verschiedenen Organisationen abzuwechseln. Dabei geht es nicht darum, wer am dringendsten Geld braucht, das funktioniert ja einfach nicht. Am Ende ist uns wichtig, dass es Menschen auf der Flucht unterstützt.

Stefan: Und wie ist in diesem Jahr die Nachfrage?

Yael: Die ist wieder sehr gut, wir müssen unsere Schichten wirklich gut ausfüllen, damit wir durchkommen. Aber wir nehmen natürlich noch an, die Woche ist noch lang. Das kommt vielleicht auch ein bisschen daher, dass wir ein bisschen Werbung bekommen, zum Beispiel im Berliner Fenster oder auch in der taz. Ansonsten gibt es auch einige Beiträge in den Medien. Zum Beispiel in der Abendschau oder im Deutschlandfunk.

Juliane & Stefan: Das freut uns wirklich sehr. Danke für das Interview und noch eine erfolgreiche Woche für eure Aktion!


Die Weihnachtsaktion von »Literatur für das, was passiert« findet noch bis Freitag, den 11. Dezember im Brecht-Haus in der Chausseestraße statt. Da die Räumlichkeiten begrenzt sind und sich nur eine kleine Anzahl Personen dort aufhalten können, können Texte dieses Jahr aber auch per Post oder Mail bestellt werden. Informiert euch hier, auf Facebook oder Instagram und macht mit!

Literatur für das, was passiert
Kategorie Blog, Mischmasch
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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