Nastasja Penzar: Yona

Familiengeheimnis in Mittelamerika: Yona von Nastasja Penzar führt zu den Wurzeln der Protagonistin, die sich nach dem Tod des Vaters komplett entwurzelt fühlt. Genauso brutal wie verletzlich.

Nastasja Penzar: Yona

Guatemala liegt nicht nur geographisch ziemlich weit von Deutschland entfernt. Das mittelamerikanische Land wurde von einem 36 Jahre währenden Bürgerkrieg massiv unterhöhlt. Die an einen Genozid heranreichende Gewalt gegen die Ureinwohner prägte den Konflikt, der vom Militär immer weiter befeuert wurde. Seit seinem offiziellen Ende 1996 ist das Land politisch nicht zur Ruhe gekommen, jährlich fliehen Zehntausende aus den vielfach jämmerlichen Zuständen – vor allem auf dem Land. Bandenkriminalität konnte aufgrund des schwachen Staatsapparats florieren, die Todesraten durch Gewalt sind erschreckend hoch. Auch der Roman Die Rache der Mercedes Lima vom guatemaltekischen Autor Arnoldo Gálvez Suárez spielt in diesem Milieu, in den Nachwehen des Bürgerkriegs.

Yona, der Debütroman der Berliner Autorin Nastasja Penzar, führt ebenfalls in den mittelamerikanischen Staat. Die Protagonistin Yona wächst in Deutschland mit ihrem Vater auf, er stammt aus Guatemala. Dass er dorthin nie wieder zurück will, kommt Yona zwar komisch vor, aber viel mehr interessiert sie eigentlich ihre Mutter, die sie nie kennengelernt hat. Die Mutter schwebt wie eine dunkle Wolke über der Kleinfamilie, kann selbst die sonnigsten Tage durch ein falsches Wort verdunkeln. Denn die beiden sprechen eigentlich nicht über sie.

Als der Vater nach langer Krankheit stirbt, ist Yona in Deutschland entwurzelt. Eine Waise in dem Land, in dem sie aufwuchs, doch ohne Familie. So beschließt sie, nach Guatemala zu gehen. Das hatte sie zwar schon vor dem Tod des Vaters beschlossen, doch erst der ultimative Schnitt veranlasst sie, wirklich zu gehen.

So lernt sie ihre Familie und deren Umfeld kennen. Doch vor allem entdeckt sie ein kaputtes, von Gewalt zerrüttetes Land. Auch die dunkle Wolke ist durch den Tod des Vaters nicht verschwunden. Denn ihre Mutter schwebt auch hier über allen Gesprächen, durchweht sie wie ein Geist, der sich einfach nicht abschütteln lassen möchte. So steigert sich der Roman in immer tiefere Vergangenheitsschichten hinein, bis zum Grund des dunklen Familiengeheimnisses.

Ich kannte nur die Pistolen der Jungs zu Karneval, wenn sie als Cowboys gingen. Mein Vater hatte sie gehasst, wir hatten gestritten darüber, ich wollte als Cowboy gehen, ich wollte Plastikenten schießen auf dem Jahrmarkt, ich wollte Ego-Shooter, er sagte Nein.

Yona erzählt ihre Geschichte in der ersten Person und auf zwei Ebenen. Die eine ist die Vergangenheit mit dem Vater, die zeitlich immer wieder ein wenig springt, aber unaufhaltsam aus das zwischen den Zeilen durchscheinende Ende, seinen Tod, zuläuft. Die andere ist die Gegenwartshandlung in Guatemala. Beide sind eng miteinander verknüpft, laufen auf das Ende des Vaters wie auf das Schicksal der Mutter und Yonas Familie zu.

Bemerkenswert sind gerade zwei Dinge dabei. Die Konstruktion macht den Roman langsam immer besser. Er beginnt ruhig, geradezu nüchtern, fast dröge. Doch er steigert sich immer weiter, bis man ihn kaum noch weglegen kann. Dies liegt neben der sehr guten Dramaturgie vor allem in Yona selbst begründet.

Denn je mehr sich die Familiengeschichte und das Panorama Guatemalas um sie herum aufbauen und in immer tiefere Abgründe blicken lassen, desto deutlicher tritt Yona hinter ihrem zurückhaltenden, vorsichtigen Erzählen hervor. Es wird zunehmend deutlich, wie Yona das Aufwachsen ohne Mutter, die fehlenden Gespräche darüber und die schwierige Beziehung zu ihrem liebenden, aber ebenfalls verschlossenen Vater verstört und geprägt haben. Immer deutlicher werden ihre Fluchtreflexe und ihr höchst empfindsames Bewusstsein, das mittels eines Tons in ihr Alarm schlägt, wenn es ihr zu viel wird. Dass sie sich aber gleichzeitig nicht unterkriegen lässt und ihre Ängste bekämpft, gibt nicht nur ihr Kraft, sondern dem Roman auch den letzten Schub, sodass er komplett überzeugt.

Yona ist ein ebenso ruhiger wie abgründiger Roman, der die Suche nach der familiären Herkunft mit der Entdeckung eines höchst komplexen Landes verbindet, dessen gefährlicher Dunkelheit die Erzählerin in nichts nachsteht. Die parallele Entwicklung der beiden Erzählstränge ist sehr gut orchestriert, der Roman wird mit jeder Seite stärker. Ein perfektes Debüt, das innere und äußere Gewalt gekonnt verbindet und mit Yona eine komplexe Protagonistin zeigt, die im Gedächtnis bleibt.

Nastasja Penzar

Yona

Matthes & Seitz Berlin

208 Seiten | 22 Euro

Erschienen am 18.3.2021

Kategorie Blog, Indiebooks, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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