Natascha Strobl: Radikalisierter Konservatismus

Der »Kindkanzler« Kurz ist Geschichte, doch sein Erbe ist gigantisch und wird die österreichische Demokratie noch lange belasten. In diesem Lichte schreibt Natascha Strobl in Radikalisierter Konservatismus über populistische Tendenzen kriselnder konservativer Volksparteien. Pflichtlektüre!

Natascha Strobl: Radikalisierter Konseratismus

Wir haben es ja derzeit gesellschaftspolitisch mit einer riesigen Gemengelage von Problemen zu tun. Die weltweite Migration wird immer drastischer steigen, da sowohl das Klima als auch Gerechtigkeit im Sinne der Verteilung des globalen Reichtums immer weiter aus der Bahn geworfen werden. Was 2015 und früher schon populistisch als »Krisen« bezeichnet wurde, dürfte kaum der Rede wert gewesen sein in Anbetracht dessen, was da noch kommt. Und doch haben schon die vergangenen, objektiv betrachtet kaum nennenswerten »Krisen« in den westlichen Gesellschaften für einen riesigen Aufschub rechter Parteien und eine Rehabilitierung von rassistischer Politik in Europa und der ganzen Welt gesorgt.

Chauvinismus ist sowohl auf der politischen Weltbühne als auch in Europa angekommen. Trump ist nur die blonde Spitze eines ekligen Eisbergs. Mitten in Europa regierte Sebastian Kurz für einige Zeit Österreich als Kanzler der konservativen ÖVP. Einige Jahre mit der rechtspopulistischen FPÖ, am Ende noch kurz mit den Grünen. In der Zeit änderte er die traditionelle ÖVP-Farbe Schwarz zu Türkis. Ein augenscheinliches Beispiel, aber die Änderungen, die seine kurze Ära nicht nur für die Volkspartei gebracht hat, werden noch sehr lange die Politik in Österreich bestimmen. Die Änderungen bezeichnen das, was Natascha Strobl den »radikalisierten Konservatismus« nennt.

Es sind zu einem großen Teil Reformen, die man allgemein eher mit der Türkei unter Erdoğan, Brasilien unter Bolsonaro, den USA unter Trump, dem Polen unter der PiS oder Ungarn unter Orbán erwarten würde: eine systematische Unterwanderung der Justiz, die der Exekutive freie Bahn machen soll. Das Stillstellen journalistischer Stimmen, die Gegenwind bedeuten. Vetternwirtschaft. Bestechung. Und nicht zuletzt: Das Abtöten jedes konstruktiven politischen Diskurses zugunsten von WhatAboutism und populistischen Scheinthemen, die alle wirklichen Themen schnell verschwinden lassen und dafür das einzige in den Vordergrund setzen, womit radikalisierte Konservative noch arbeiten: Emotionen. Vor allem Angst.

So groß die Unterschiede zwischen Trump und Kurz sein mögen – beide haben klar erkannt, dass in der Politik des 21. Jahrhunderts vor allem das Erzählte, die Geschichte und die damit verbundenen Gefühle wichtig sind. Es geht nicht mehr darum, ein detailliertes Programm auszuarbeiten und möglichst überzeugend zu vertreten. Es geht darum, ein neues Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. In Zeiten der gesellschaftlichen und ökonomischen Verwerfungen ist das kein defensives und statisches, sondern ein aggressives und dynamisches Gefühl.

Strobls Analyse Radikalisierter Konservatismus zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie kurz und knackig die größten und wichtigsten Entwicklungen von konservativen Parteien in Richtung Rechtspopulismus in den westlichen Ländern nachzeichnet. Als durchgängige Beispiele dienen in erster Linie Österreich unter Kurz, als etwas unterschiedliche Blaupause noch die USA unter Trump. Man darf sich vom Untertitel allerdings nicht täuschen lassen: Strobl geht hier nicht in die Tiefe, wertet nicht systematisch aus und kategorisiert nicht die Ergebnisse, um eine Hypothese zu untermauern. Radikalisierter Konservatismus ist vielmehr so etwas wie eine wütende Analyse, ein kurzer Schlag im Angesicht von massenhaften Tabubrüchen im vollen Tageslicht.

Das ist Fluch und Segen zugleich. Man kann dem Buch vorwerfen, dass es eben keine eigentliche Analyse ist, dass es unfair verkürzt, nicht genug Gegenbeispiele mit einbezieht, auch nicht alle relevanten Quellen hinzuzieht und – so oder so – sich nur auf Österreich und die USA beschränkt, während die Welt vor sich radikalisierenden Konservativen nur so strotzt.

Das ist alles nicht falsch, aber für mich hat die positive Seite überwogen. Denn Radikalisierter Konservatismus ist so objektiv, wie man wohl gerade noch sein kann, und so kurz, dass man praktisch sprachlos durch die knapp 200 Seiten fliegt. Das ist keine abschließende Analyse, auf keinen Fall, sondern ein Anfang, nach dem man mehr will. Und das finde ich wunderbar so. Ein Titel, den man für mich einfach lesen muss!

Übrigens: Schön locker aufbereitet gibt es die ganze Kanzler-Kurz-Geschichte von Jan Böhmermann hier. Als hätten seine Autor*innen vorher Strobls Buch gelesen …

Natascha Strobl

Radikalisierter Konservatismus
Eine Analyse

Suhrkamp

192 Seiten | 16 Euro

Erschienen im September 2021

Kategorie Blog, Rezensionen, Sachbuch
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

Kommentar verfassen