Nils C. Kumkar: Alternative Fakten

Seit Trumps schlecht besuchter Amtseinführung sind die in aller Munde, wurden aber nie genau unter die Lupe genommen: Alternative Fakten von Nils C. Kumkar holt das nach, und zwar auf ebenso fundierte wie kurzweilige Art.

Nils C. Kumkar: Alternative Fakten

Mit dem zunehmenden Erfolg rechtspopulistischer und national-radikaler Parteien rund um den Globus scheint es, als sei die Wahrnehmung der Welt zersplittert. Anhänger*innen linker Parteien sehen eine Welt, die vom Klimawandel geprägt ist und dass in erster Linie dies die Agenda der nächsten Jahrzehnte bestimmen wird. Wähler*innen rechter Parteien dagegen nehmen eine Welt wahr, in der durch Massenmigration, Gleichberechtigung und radikale Linke mit ihrer Agenda aus Gender- und Klimawahn das fragile Konstrukt ihrer Identität gefährdet wird.

Rechte Politiker*innen und Aktivist*innen heizen diese Ängste noch weiter an, um Wahlpotenziale zu steigern. Neben dem zirkulären Teilen von offensichtlichen Falschinformationen (Fake News) und dem stumpfen Hetzen gegen einzelne Protagonist*innen, meist Frauen aus linken Kreisen, ist dabei ein neues Werkzeug seit der Präsidentschaft von Donald Trump auf dem Vormarsch: alternative Fakten. Entgegen dem ersten Impuls, sie mit Fake News in einen Topf zu schmeißen, arbeitet der Soziologe Nils C. Kumkar in seinem Buch Alternative Fakten heraus, dass sie ein neues, viel raffinierteres Werkzeug rechter Kommunikation darstellen.

Das berühmte erste Beispiel, mit dem auch Kumkar sein Buch beginnt, ist die Inauguration von Trump, die weniger Menschen anzog als jene von Obama. Da dieses bloße und an sich auch unwiderlegbare Faktum den neuen Präsidenten zum einen schlechter dastehen ließe als den verhassten Vorgänger Obama und zum anderen noch Trumps Statements von der größten Amtseinführung aller Zeiten in Zweifel ziehen könnte, prägte seine Beraterin Kellyanne Conway den Begriff alternative Fakten.

Dabei handelt es sich nicht einfach um die Darlegung einer anderen Sichtweise bzw. Lüge gegen eine bewiesene Tatsache. Das wäre kaum glaubhaft und auch nicht überzeugend. Die Strategie der alternativen Fakten ist es vielmehr, das Faktum an sich zu attackieren, ihm durch zweifelhafte und oft zirkuläre Behauptungen den Boden zu entziehen und es damit unglaubhaft oder anzweifelbar zu machen. Denn solange etwas zweifelhaft ist, ist es nicht bewiesen, also nur eine Meinung oder Behauptung, und damit kann eine andere Meinung gleichbedeutend dagegen stehen.

Dies exerziert Kumkar an einigen Beispielen durch. Der besagten Inauguration Trumps, den Gegenberichten zum IPCC, dem Weltklimarat und dessen Empfehlungen an die Weltpolitik, der Birther-Verschwörung um die angeblich nicht-US-amerikanische Abstammung Obamas und weiteren Fälle, in denen alternative Fakten in Stellung gebracht werden, um notwendige politische Prozesse zu verlangsamen und die Menschen für rechte Positionen weiter empfänglich zu halten.

Damit kommt Kumkar zur zugegebenermaßen etwas sperrigen Definition, die aber – das sei gesagt – nicht den Ton des Buchs repräsentiert:

Alternative Fakten sind, anders als oft implizit angenommen, keine Versatzstücke von Parallelwelten oder Ad-hoc-Hypothesen in unklaren Situationen, sondern kommunikative Ausflüchte aus Situationen, in denen die Faktenlage vorgängig klar ist, aber Dilemmata konstituiert, mit denen man sich nicht auseinandersetzen kann oder will.

Das bedeutet, dass selbst fanatische rechte Anhänger*innen nicht ernsthaft glauben, Trumps Amtseinführung sei die größte der Geschichte gewesen oder dass es den menschengemachten Klimawandel nicht gibt oder er gar vorteilhaft wäre. Aber die Fakten passen nicht in ein Weltbild, in das so viel investiert wurde, dass die betroffenen Menschen es nicht mehr aufgeben können oder wollen. Alternative Fakten sind ein Weg, zum einen politische Prozesse zu verschleppen, zum anderen aber auch die eigene Identität vor unangenehmen Wahrheiten zu schützen.

Alternative Fakten ist eine überzeugende und gut lesbare Studie, die sich auf die kommunikativen Funktionen dieses neuen Phänomens rechter Politik konzentriert und es damit entscheidend definieren und von anderen Strategien unterscheiden kann. Der Autor verbirgt seinen eigenen Standpunkt dabei keineswegs, versucht jedoch auch nicht, zu psychologisieren. Er hält sich in seinen Analysen streng an die nachweisbaren Abläufe, das ist erfrischend und überzeugend zugleich.

Nils C. Kumkar: Alternative Fakten | Suhrkamp | 336 Seiten | 18 Euro | erschienen im September 2022

Kategorie Blog, Rezensionen, Sachbuch
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

2 Kommentare

  1. Hallo Stefan,

    das klingt nach einem interessanten Buch – ich schüttele immer wieder mit dem Kopf, wenn mir im Netz jemand begegnet, die/der offensichtlich bewiesene Fakten schlicht und ergreifend ignoriert. Wie Kleinkinder, die auf den Boden stampfen und schreien: „WILL ABER NICHT!“

    In den extremen Ecken jeder Problematik bilden sich inzwischen wahre Parallelwelten mit ihren eigenen Wahrheiten, eine sehr problematische Entwicklung.

    LG,
    Mikka

    • Ich kann es dir nur empfehlen, liebe Mikka, es ist sehr ruhig und erhellend!
      Liebe Grüße, Stefan

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