Und sonst so? [Monatsrückblick Juni 2026]

Der Juni zeigt schon mal, welche Hitze die Zukunft für uns so bereithält. Literarisch macht sich dagegen der Herbst schon immer mehr bemerkbar. Was sonst noch so los war im Juni, lest ihr hier.

Gelesen

JULIANE: Der Monat begann für mich mit einem Buch, das Stefan schon vor mir gelesen hatte, und das kommt echt selten vor. Wir lesen nämlich eigentlich nie die gleichen Bücher, warum auch immer. Mit dieser Ausnahme habe ich mich aber nun 480 Seiten lang nach Sanditz begeben, in den gleichnamigen Roman von Lukas Rietzschel, und meinen Aufenthalt dort seeeehr genossen. Stefans Rezension zum Roman kann ich zu hundert Prozent unterschreiben. Allen, die mich mit Annabelle in unserem Podcast Jerne jelesen über Sanditz debattieren hören möchten, empfehle ich zudem unsere brandneue Folge.

Als ich im Juni auf der Suche nach einem schönen, kurzen Hörbuch war, bin ich auf Sprechen von Daniela Dröscher gestoßen. Der Band ist in der Hanser Berlin-Essayreihe »Leben« erschienen. Die Reihe vereint zehn Bücher über die zehn wichtigsten Themen des Lebens, Sprechen ist eines davon. Sehr persönlich und für mich vielfach anschlussfähig berichtet Daniela Dröscher von ihrer eigenen Sprechbiografie. Es geht um Dialekt, um das Verstummen, das Sprechen in der Öffentlichkeit und die Frage, wie wir miteinander sprechen sollten, um als Gesellschaft wieder näher zusammenzurücken. Ein wirklich toller Essay mit zahlreichen geschichtlichen und literarischen Querverweisen – große Empfehlung.

Und dann habe ich mal wieder eine Übersetzung gelesen: Die Ladenhüterin von Sayaka Murata, aus dem Japanischen übertragen von Ursula Gräfe. Wir begleiten hier die Supermarktmitarbeiterin Keiko in ihrem Alltag. Eine Außenseiterin, die aufgeht in ihrem Aushilfsjob, glücklich ist, aber von der Gesellschaft mit ihren Erwartungen an ein »richtiges« Leben nicht in Ruhe gelassen wird. Ein wirklich toller Roman mit einer ganz klaren Sprache und einer Protagonistin, die ich die ganze Zeit einfach nur in den Arm nehmen wollte.

STEFAN: Ich konnte im Juni nicht ganz an das große Lesepensum des Mai anschließen, aber habe dafür schon ein Highlight gelesen, nämlich Anton und Alma von Dana Vowinckel. Der auf einen Liebesroman deutende Titel und der hohe Umfang mit mehr als 500 eher eng bedruckten Seiten hat mich erst abgeschreckt. Umso glücklicher bin ich, dass ich den Roman trotzdem gelesen habe, denn er ist einfach toll, sehr intensiv und emotional – mehr sei hier noch nicht gesagt, aber alle dürfen sich auf den ET im September freuen. Wer Gewässer im Ziplock mochte, wird hier richtig große Freude haben.

Außerdem habe ich Benjamin im Stroboskop von Bernard Hoffmeister gelesen. Der Roman war schwierig für mich, er legt großes Gewicht auf die Struktur und den Aufbau, kann aber inhaltlich nicht ganz mithalten. Es geht um Benjamin, der über Walter Benjamin promoviert und Poetry Slam macht. Zahlreiche Probleme bringen ihn mental zum Zusammenbruch – doch irgendwie schafft es der Roman nicht, das emotional zu transportieren.

Gesehen

JULIANE: Im Juni hat unser Kind mir einen kurzen, aber effektiven Magen-Darm-Virus aus der Kita mitgebracht. Ich lag also einen Tag lang so richtig flach und habe die Chance genutzt, unseren Mubi-Account aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken.

Ich habe zum einen Peter Hujar’s Day (2025) geschaut – ein sehr ruhiger und kunstvoller Film über den Fotografen Peter Hujar und sein Leben in New York, basierend auf dem gleichnamigen biografischen Buch der Autorin Linda Rosenkrantz.

Zum anderen habe ich den Dokumentarfilm High & Low – John Galliano (2023) über den Aufstieg und Fall des Modeschöpfers geschaut. Ich wusste vorher nichts über Galliano, war aber sofort beeindruckt von seiner Leidenschaft für Mode, seinem Werdegang und genauso schockiert von seinen Eskapaden um 2011 herum. Außerdem ein toller Einblick in die Modewelt der 90er- und 00er-Jahre.

Und auch die Doku über den Rapper Xatar in der ARD-Mediathek, die schon so lange auf meiner Watchlist stand, habe ich endlich geschaut. Sehr spannend, sehr traurig, und der Blick in die Rap-Szene fasziniert mich immer wieder aufs Neue.

STEFAN: Ich hänge immer noch in The Good Doctor, nähere mich aber langsam dem Ende. Die Serie bleibt durchgängig sehenswert und verschiebt den Fokus Staffel für Staffel ein wenig. Allerdings deutlich weniger als andere Serien, auch Krankenhausserien. Im Vergleich mit New Amsterdam erscheint The Good Doctor fast wie in einer Parallelwelt ohne Politik, Geld und Konkurrenz zu existieren – das macht den Eindruck auf Dauer etwas schal, verlässt sich die Serie doch fast komplett auf die Faszination von Einzelfällen und der Entwicklung weniger Hauptcharaktere. Mit diesen werden zwar schon Themen wie Behinderung, Rassismus, religiöse Identität, Kinderwunsch und damit verbundenen Ängste behandelt, es bleibt aber immer eher an der Oberfläche.

Gehört

JULIANE: Es gab um 2012 herum wohl keinen Song, der häufiger aus meinem Laptop erklang, als I Follow Rivers von Lykke Li – hui, da werden Erinnerungen wach. Jetzt hat die schwedische Künstlerin ein neues Album herausgebracht: The Afterparty. Und nachdem ich Lykke Li ein knappes Jahrzehnt aus den Augen verloren hatte, war ich im Juni wieder totally in love mit ihren alten sowie neuen Songs.

STEFAN: Aus gegebenem Anlass habe ich nochmal ordentlich Texas is the Reason gehört. Das einzige Album Do you know who you are? von 1996 ist immer noch absolut aktuell und hörenswert. Zum 30-jährigen Jubiläum gab es dieses Jahr nochmal eine große Tour, und ich habe sie in Berlin gesehen. Tatsächlich haben sie nichts von ihrer Energie verloren und konnten immer noch voll überzeugen.

Gemacht

JULIANE: Anfang des Monats war ich für ein paar Tage in Oslo und habe mich erneut in diese Stadt verliebt. Zwischen Pistazienknoten, Kunst im Wald und skandinavischer Gemütlichkeit war die Deichmanske bibliotek mal wieder mein absoluter happy place. Für mich wirklich die schönste und coolste Bibliothek, die ich kenne. Oslo im Ganzen ist wirklich immer eine Reise wert und ich komme ganz bald wieder.

STEFAN: Ich bin dieses Jahr einfach mal nach Klagenfurt gefahren, um mir die Tage der deutschsprachigen Literatur anzuschauen. Habe daraus eine kleine Exkursion mit meinem Freund und alten Literaturstudiumkollegen Nobbi gemacht und war begeistert. Vor allem die öffentliche Diskussion hat es mir angetan, die immer nochmal andere Aspekte aus den Texten beleuchtet und in ganz unterschiedliches Licht rückt – je nach Juror*in eben. Das hat richtig Spaß gemacht. Nächstes Jahr braucht es aber ein Hotel mit Klimaanlage, die Hitze war richtig krass und schlafen bei 30 Grad nicht leicht.

Kategorie Blog, Mischmasch

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und verteufeln zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Lesen geht ja zum Glück überall und bietet Ausflüge in diverse Welten. Hier schreibe ich über meine Lektüren.

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