Lukas Rietzschel: Sanditz

Stadt und Geschichte: In Sanditz schreibt Lukas Rietzschel die Geschichte der DDR im Kleinstadtpanorama neu und führt sie in die bewegte Gegenwart und ihre neuen Krisen.

Lukas Rietzschel, Sanditz, Cover

Sanditz ist eine Kleinstadt in der Lausitz, irgendwo im Nirgendwo der ostdeutschen Provinz. In den 1980er Jahren, dem letzten Jahrzehnt der DDR, finden hier zwei Männer zusammen und erleben ein kurzes Glück, bis sich der eine in eine Tarnehe flüchten muss, während sein Schwager in der NVA als »Spatensoldat« staatsverordnete Sinnlosigkeit in Reinform durchlebt. In den 2020er Jahren wohnt besagter Schwager immer noch bei seiner Mutter, seine Nichte ist vom Studium im Westen zurück und versucht, den sterbenden Lokaljournalismus wiederzubeleben, während ihr Bruder in der Corona-Pandemie den Sinn seines Lebens verloren hat und von einer schlechten Entscheidung zur nächsten torkelt.

Sanditz, der mittlerweile dritte Roman des Görlitzer Autors Lukas Rietzschel, ist als Panorama einer Kleinstadt angelegt. In zwei Zeitachsen läuft der Roman einmal durch die 1980er auf die Wiedervereinigung zu und einmal aus der Corona-Pandemie heraus in den Ukraine-Krieg. Im Mittelpunkt steht Familie Wenzel, die hier eine typische ostdeutsche Familiengeschichte verkörpert. An ihr zeigt der Roman zahlreiche Themen der Zeitgeschichte auf, wie etwa das heteronormative Familienmodell der DDR, die Zerstörung durch den Bergbau, den allmählichen Zerfall der DDR-Wirtschaft und die Auflehnung vieler Bürger*innen kurz vor der Wende. Nach der Wende dann das einsame Schuften der Männer auf westdeutschen Baustellen und den Einzug von westdeutschen Führungskräften.

Der Roman ist durch die Vielzahl seiner Handlungsstränge und Figuren auf zwei Zeitebenen nicht ganz leicht zu lesen. Er konnte mich aber mit seiner unaufgeregten und gleichzeitig immer konzentrierten Sprache und den Figuren, die einem mit der Zeit immer mehr ans Herz wachsen, überzeugen. Er zeigt die ostdeutsche Provinz im Spiegel verschiedener Krisen, ohne dabei auf die eine oder andere Weise zu urteilen oder sich gar dazu aufzuschwingen, eine Erklärung für aktuelle politische Phänomene zu bieten. Überhaupt ist Politik hier eher zwischen den Zeilen präsent, was den Fokus auf die Menschen legt und Klischees weitestgehend außen vor lässt. Opulent und erfrischend.

Lukas Rietzschel: Sanditz | dtv | 480 Seiten | 26 Euro | Erschienen im März 2026

Kategorie Blog, Rezensionen

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin und arbeite als Buchhersteller. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Schwer zu sagen.

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