Denis Pfabe: Der Tag endet mit dem Licht

Ein Roadtrip durch Amerika. Mit einem schrulligen Künstler im schnellsten Sportwagen mit Straßenzulassung, der je gebaut wurde. Denis Pfabe tischt uns in seinem Debütroman Der Tag endet mit dem Licht (Rowohlt Berlin) eine Geschichte auf, die auf den ersten Blick so irre wirkt, dass man sie einfach glauben will.

Denis Pfabe: Der Tag endet mit dem Licht

Es ist ein denkwürdiger Tag, an dem der weltbekannte Künstler Adrian Ballon die noch wenig beachtete Künstlerin Frida Beier in ihrer Werkstatt besucht. Wir schreiben das Jahr 1983, Frida Beier arbeitet an Stoffbahnen, die sie künstlerisch in Szene setzt. Wenig wurde sie dafür bisher beachtet. Als Jugendliche hat sie gelernt, die englischen Tüll-Webemaschine Bobinet zu bedienen und zählt damit zu einem äußerst exklusiven Kreis. Qualität und Größe des mit diesen Maschinen gewebten Tülls sind einzigartig – eine Qualität, die der Tüll mit dem Werk Ballons teilt.

Nachdem Frida Beier überrumpelt eingewilligt hat, für ein neues Projekt Ballons Assistentin zu werden, findet sie sich kurze Zeit später in den USA wieder. Dort jagt sie auf dem Beifahrersitz eines Ferrari neben Ballon quer durchs Land, um alle Restaurants des International House of Pancakes abzufahren. Wieso, will sich ihr lange Zeit nicht recht erschließen, denn eigentlich geht es in dem Projekt um etwas anderes: Fenster. Ballon sammelt Fenster, die er für aberwitzige Summen aus Häusern ausschneiden lässt. Die Suche gestaltet sich aber alles andere als einfach. Der Bautrupp, der den beiden auf den Fersen ist, wird immer ungehaltener. Die Situation spitzt sich zu, der Künstler bleibt meist wortkarg.

Jeden Abend kehrten wir in einem anderen Diner ein. Aber sie glichen sich alle. Irgendwann verstand ich, dass er nach etwas ganz Bestimmtem suchte. Ich fing an, ihn zu fragen, ob dieses nun gut, ob wir näher dran seien. (…) Näher dran, ja, aber das ist es nicht, antwortete er am Ende jedes Mal.

Denis Pfabe schildert den Roadtrip in einer äußerst sparsamen, äußerst lakonischen Sprache, die dem Gemüt der Erzählerin entspricht. Frida Beier ist eine zurückgezogene Person, die durch Ballons aufbrausendes Temperament zunehmend aus der Reserve gelockt wird. Sie findet sich immerzu in Situationen wieder, die sie sich Wochen zuvor kaum hätte träumen lassen. Sie besänftigt sturzbetrunkene Bauarbeiter, schmiert Hoteliers, verhandelt mit Hausbesitzern über die Zerlegung ihres Besitzes. Die Summen spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Nicht einfach für jemanden, der vorher mehr oder weniger von der Hand in den Mund gelebt hat.

Die Nüchternheit der Beschreibung ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass die Erzählerin aus einem Abstand von 25 Jahren auf die Geschehnisse zurückblickt. So lange hat sie sich nämlich Zeit gelassen, um die Tagebücher Ballons vorzunehmen, und mit ihnen ihre Erlebnisse in den USA noch einmal zu durchleben. In Der Tag endet mit dem Licht lesen wir die Wiederbelebung ihres Trips, dem nun noch die Eintragungen Ballons hinzugefügt werden. Nichtsdestotrotz zeichnet den Roman ein enormer Zug aus – die Ereignisse laufen klar auf ein Ziel zu, auf ein Ende, das sich zunächst vage am Horizont abzeichnet, um langsam immer schärfer zu werden.

So ist Der Tag endet mit dem Licht ein wenig Entwicklungsroman, ein wenig Familiengeschichte, und auch ein wenig Abenteuerroman. Das Ganze aber ohne in ein Genre-Klischee zu verfallen oder zu sehr auf Effekt zu gehen. Auf sprachlich ganz andere Weise hat mich der Roman sehr an Blaupause von Theresia Enzensberger erinnert. Denn auch Pfabes Roman schildert in sehr angenehmem Kolorit und praktisch im Vorbeigehen Ort und Zeit der Handlung, Amerika und Westdeutschland in den 1980er Jahren.

Denis Pfabe: Der Tag endet mit dem LichtDenis Pfabe

Der Tag endet mit dem Licht *

Rowohlt Berlin

192 Seiten | 20 Euro

Erschienen am 21.08.2018


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Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

4 Kommentare

  1. Klingt interessant. Hatte das Buch mal auf meinem Merkzettel, dann ist es da allerdings runtergerutscht. Wäre vielleicht an der Zeit, „Der Tag endet mit dem Licht“ da wieder drauzupacken …

  2. Dagmar Kohlhage

    Am kommenden Dienstag findet in Düsseldorf, Bertha – von – Suttner-Platz, HBF, um 18 00 Uhr eine Lesung von und mit dem Autor statt.
    Vielleicht besonders für Marius interessant. 😉

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