Aladin El-Mafaalani: Wozu Rassismus?

Blick zurück und nach vorn: Aladin El-Mafaalani wagt sich mit Wozu Rassismus? Von der Erfindung der Menschenrassen bis zum rassismuskritischen Widerstand im kleinen Rahmen an ein großes Thema und schafft damit ein gelungenes Einstiegswerk, das auch aktuelle Debatten gut beschreibt.

Aladin El-Mafaalani: Wozu Rassismus?

Spätestens seit dem Tod von George Floyd 2020 ist Rassismus als gesellschaftliches Problem so richtig in der Mehrheitsgesellschaft angekommen. Zumindest in meiner Wahrnehmung war selbst der Umgang mit den Geflüchteten aus Syrien 2015 nicht wirklich als Diskurs um Rassismus in der breiten Gesellschaft zu spüren, und auch die Angriffe auf Asylunterkünfte in den 1990ern und frühen 2000ern liefen immer eher unter den verschleiernden Labels Fremden- oder Ausländerfeindlichkeit. Auch wenn diesen immer etwas Wahres anhaftet, liegt das Grundproblem doch deutlich tiefer und ist nicht einfach mit diffusen Ängsten vor »den Anderen« zu erklären.

Aladin El-Mafaalani nimmt diesen Umstand zum Anlass, um mit seinem Buch Wozu Rassismus? Von der Erfindung der Menschenrassen bis zum rassismuskritischen Widerstand ganz bewusst die Dimension des Zwecks von Rassismus und rassistischem Denken in den Fokus zu nehmen. Die handlungsorientierte Perspektive gibt der Betrachtung einen Dreh in die Praxis rassistischer Diskriminierung und verbleibt nicht in einem theoretischen Rahmen.

Wie der Untertitel schon besagt, geht es eben am Anfang des Rassismus los, nämlich seiner Erfindung durch die weißen Europäer in der Aufklärung zur Rechtfertigung ihrer imperialistischen Landnahme auf der ganzen Welt.

Es ist bezeichnend und folgenschwer, dass zeitgleich und von denselben weißen europäischen Denkern zwei Konzepte entwickelt wurden: auf der einen Seite der Humanismus und die Vorstellung der Vernunft und der Freiheit des Menschen sowie auf der anderen Seite die qualitative Abstufung der Menschen in »Rassen«, die mit einer Entmenschlichung eines Großteils der Menschheit einherging.

Von diesem historischen Startpunkt ausgehend erklärt El-Mafaalani dann verschiedene Dimensionen von Rassismus in ihrer historischen Entwicklung und gegenwärtigen Ausprägung. Das sind etwa struktureller und institutioneller Rassismus sowie rassistische Diskriminierung als machtpolitische Konstante und Erfahrung. Er nutzt dabei immer wieder das Bild des Tischs, an dem alle gesellschaftlichen Akteure zum Kuchen zusammensitzen, um die sich historisch wandelnden Macht- bzw. Teilhabe-Verhältnisse zwischen Mehrheitsgesellschaft und rassistisch diskriminierten Minderheiten zu veranschaulichen.

Auch wenn das irgendwann nervt, kann er seinen Punkt damit doch sehr anschaulich machen und dieses Bild steht auch beispielhaft für die hohe Zugänglichkeit von Wozu Rassismus?. Seine zentrale Feststellung, die über eine Erklärung hinausgeht und seinen soziologischen Ansatz hervorhebt, nennt er das »Diskriminierungsparadox«. Kurz gesagt bedeutet es, dass Diskriminierung immer sichtbarer wird, je höher das Maß der Teilhabe von diskriminierten Gruppen in der Mehrheitsgesellschaft ist. Will sagen: Wer komplett unterdrückt ist, traut sich nicht, diese Unterdrückung öffentlich zu machen.

Heute ist das anders, und das ist sehr gut so, da allein gesellschaftliche Diskurse in der Lage sind, Rassismus über einen langen und schmerzhaften Prozess aufzuarbeiten und an irgendeinem Punkt vielleicht auch zu überwinden. Interessant ist dabei seine Sicht auf aktuelle Debatten, die er unterm Strich alle positiv bewertet. Denn die Hauptsache ist, dass überhaupt über Rassismus und Diskriminierung gesprochen wird. Dass das Mainstreaming von Debatten dabei immer einen herben Verlust an Tiefe und Vorwissen bedeutet, muss hingenommen werden, um die breite Masse mitzunehmen.

Bemerkenswert fand ich außerdem, dass sich Wozu Rassismus? nicht an den schriftlichen Konventionen der postkolonialen Theorie orientiert, so stehen die Attribute »weiß«, »schwarz« usw. als einfach Adjektive und nicht als Konstruktionen kenntlich gemacht, also weiß und Schwarz. Dies soll wohl die Zugänglichkeit erhöhen und lange Erklärungen über die Genese dieser Schreibweisen überflüssig machen. Das fand ich im Gesamtkonzept in Ordnung, denn die Kürze der Darstellung ist schon beachtlich und auch eine große Stärke des Buchs.

Wozu Rassismus? ist eine formidable Einführung in das Thema Rassismus. Es ist in seiner Kürze sehr anschaulich und verständlich geschrieben, verzichtet fast komplett auf beispielhafte Anekdoten und kann daher sein Thema sehr sachlich ausbreiten. Das Gewicht des Themas wird aber trotzdem uneingeschränkt deutlich. Große Empfehlung.

Aladin El-Mafaalani

Wozu Rassismus?
Von der Erfindung der Menschenrassen bis zum rassismuskritischen Widerstand

Kiepenheuer & Witsch

192 Seiten | 12 Euro

Erschienen im September 2021

Kategorie Blog, Rezensionen, Sachbuch
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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