68 mal anders: In Mit beiden Händen den Himmel stützen erzählt Lilli Tollkien von der Kindheit eines Mädchens in einer Westberliner Sponti-Männer-WG, die nur selten lustig und frei ist.

Bei Lales Geburt stehen die Vorzeichen schlecht. Ihre Mutter ist heroinabhängig, ihr Vater wird kurze Zeit später für einen Einbruch verurteilt. Ein Freund des Vaters adoptiert sie, damit Lale trotzdem im Umfeld ihrer Eltern aufwachsen kann. Mit ihm zieht sie in eine Männer-WG, eine typische Westberliner Kommune der 1980er Jahre, in der der Widerstand gegen den Staat gelebt, Pläne für den Siegeszug des Sozialismus geschmiedet werden und die Freiheit von Autoritäten das höchste Gut ist. Ein inspirierendes, freies Umfeld für ein Kind.
Sollte man meinen, wenn man nur den Vordergrund betrachtet. Denn hinter all diesen politischen Motiven stehen Männer, die zwar gemeinsam leben, sich am Ende aber doch immer selbst am nächsten sind, also ihren eigenen Konsum – ganz antikapitalistisch – von Tabak, Alkohol und anderen Drogen sowie Liebschaften mit wechselnden Frauen fast immer über die so anderen Bedürfnisse des Kindes setzen, das bei ihnen lebt. Kein Wunder, dass Lale es nicht leicht haben wird, auch wenn der eine oder die andere sich ihrer doch immer mal wieder auch liebevoll annimmt.
Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tollkien erzählt aus der ersten Perspektive vom Aufwachsen des Mädchens in der Männer-WG. Erzählt von Gesprächen, von Suff, Rausch und Party, aber eben auch von sexuellen Übergriffen und Vernachlässigung. Die Sprache des Romans ist hart und wenig versöhnlich, denn Lale blickt aus der Perspektive der erwachsenen Frau auf ihre Kindheit zurück, sodass sie klar benennen kann, was um sie herum passierte. Das funktioniert über die größten Strecken sehr gut, allerdings schleichen sich immer mal wieder pathetische Vorausblicke mit ein, die nicht so recht zum Rest passen wollen und die Form sprengen.
Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tollkien ist ein ergreifender und schockierender Roman über eine vernachlässigte Kindheit und Jugend unter Linken, die sich trotz aller Worthülsen am Ende doch vor allem um sich selbst kümmern und Solidarität lieber mit Kuba oder Nicaragua demonstrieren, als sie dem Kind in der eigenen Wohnung entgegenzubringen.
Lilli Tollkien: Mit beiden Händen den Himmel stützen | Aufbau | 255 Seiten | 24 Euro | Erschienen im März 2026
