Flucht und Identität: In Rausch schreibt Nuran David Calis eine Geschichte postmigrantischer Identität, die ein Theaterprojekt mit ergreifenden Fluchtgeschichten zusammenbringt.

Im Angesicht des Rechtsrucks, der an allen Ecken und Enden Deutschlands zu spüren ist, entscheidet sich Ufuk, einen Unterschied zu machen. Der Sohn armenischer Einwanderer setzt alles daran, ein dokumentarisches Theaterstück auf die Beine zu stellen, das die Odyssee mit dem Schicksal der vielen Millionen Geflüchteten auf der Welt zusammenbringt. Alles läuft hervorragend, Ufuk hat zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl, seinen Platz im Leben gefunden zu haben – bis kurz vor der Premiere alles ins Wanken gerät. Wirklich alles.
Rausch von Nuran David Calis holt sehr viel Wirklichkeit ein. Die Hauptfiguren haben alle ganz unterschiedliche Erfahrungen mit Flucht gemacht. Diese sowie die einiger Nebenfiguren werden mit vielen Details und in erschütternder Härte erzählt. Um dies möglich zu machen, ist der Roman durchsetzt von Rückblenden und Exkursen, die die Gegenwartshandlung um Ufuk und sein Theaterstück umkreisen. So reichert der Roman sein Ensemble mit immer mehr Geschichten an und streift Themen wie Rassismus, postmigrantische Identität, systemische Diskriminierung oder den krassen Gegensatz von Armut und Reichtum in Deutschland. Gleichzeitig gibt es aber auch Exkurse in die weiße Mehrheitsgesellschaft Deutschlands, die dagegen eindimensional wirken.
Für mich kommt Rausch als Roman nie richtig zusammen. Der Text findet nicht die richtige Form, um die vielen verschiedenen Geschichten und Themen, die in ihm stecken, literarisch zu erzählen, er wirkt vielmehr wie eine Dokumentation, der eine fiktionale Handlung übergestülpt wurde. Das schwächt nicht die Intensität und Wichtigkeit der Geschichten und verhandelten Themen, konnte mich als Roman im Ganzen aber nicht überzeugen.
Nuran David Calis: Rausch | S. Fischer | 288 Seiten | 25 Euro | Erschienen im März 2026
