å oder au: In åben die erda erkundet Liv Thastum das Grenzland zwischen Deutsch und Dänisch und die Bedeutung der Sprache für die Identität.

»es beginnt mit einem riss, einer spaltung im stein. und wir – entlang des felsens.« Mit diesem Riss beginnt »jammerbugt«, das erste Langgedicht in Liv Thastums erstem Gedichtband åben die erda. Und auch über das Cover des wunderschönen Bandes zieht sich der Riss, wie ein weißer Blitz durch die Dunkelheit des ansonsten tiefschwarzen Einbands, dessen Schrift nur mit einer Lackschicht aufgedruckt ist.
Der Riss zieht sich durch die vier Gedichte des Bands, die alle vollkommen anders funktionieren und eine große Bandbreite aufmachen. Allen gemein ist aber das Grundmotiv der Sprache, die auseinanderfällt, oder besser, sich getrennt hat. Hier geht es meist um das Dänische und das Deutsche, die beiden Muttersprachen der Autorin. Sie haben sich vor vielen hundert Jahren abgespalten, um nebeneinander weiter zu existieren. Doch was trennen sie nun? Wo laufen die Grenzen, und wo überlappen sie sich? Und noch viel wichtiger: Wo ragt die Welt, das Reale, die Natur in die Sprache als Form des menschlichen Denkens hinein, und wo ist es vielleicht andersherum?
åben die erda bleuchtet diesen Zwischenraum in der Form einer Selbsterforschung des lyrischen Ichs, das immer weiter vordringt in die Spalten im Gestein, in den Sprachen, im Selbst. Der Gedichtband öffnet dabei einen inneren Horizont, der weit über ihn selbst hinausragt und eine große Anschlussfähigkeit besitzt. Und für mich ganz persönlich sagt er: Lies wieder mehr Lyrik! Das werde ich tun, danke dafür an Liv Thastum und åben die erda.
Liv Thastum: åben die erda | kook | 88 Seiten | 24 Euro | Erschienen im Februar 2026
