Nicholas Potter: Die neue autoritäre Linke

Nicholas Potter beleuchtet in Die neue autoritäre Linke die Hinwendung zum Autoritären bei einem kleinen, aber extrem lauten und gewaltbereiten Teil der Linken.

Nicholas Potter, Die neue autoritäre Linke, Cover

Der 7. Oktober 2023 war eine globale Zäsur. Ausgehend vom Terrorangriff der Hamas auf israelische und andere Zivilist*innen und aus Gaza heraus änderte sich die Welt. Vor allem natürlich für die Angehörigen der Anschlagsopfer sowie für die vielen tausend palästinensischen Zivilist*innen, die in der Folge den israelischen Militäreinsätzen zum Opfer fielen. Aber auch die Welt drumherum änderte sich, denn der Konflikt in Gaza wurde für viele Menschen zum Ventil, um ihre Unzufriedenheit mit dem Zustand der Welt zu entladen.

Nicholas Potter schaut in seinem neuen Buch Die neue autoritäre Linke auf die linke Szene, die nur ein Bruchteil dessen ist, was global passiert, die aber in Teilen eine besondere Entwicklung deutlich beschleunigt. Ein kleiner, aber dafür umso lauterer und straff organisierter Teil wendet sich wieder stalinistischen Autoritätsprinzipien zu, um »das Gute zu fördern und das Schlechte zu zerstören«. Wo die meisten Linken heute eher auf Differenzierung und Dialektik als Denkformen gesetzt hätten, ist plötzlich wieder ein ganz einfaches Weltbild präsent: der Kampf Gut gegen Böse, ohne Abstufungen, ohne Graubereiche.

Das ist nicht nur stalinistisch, sondern verbündet sich zudem mit islamistischen Terrororganisationen, die in der vulgär anti-imperialistischen Brille durchweg als legitime Befreiungsbewegungen gesehen werden. Wer sich auf die falsche Seite stellt, wird mit gnadenlosen Shitstorms überzogen, ausgeladen, und – wie im Falle von Potter und anderen, die sich diesem Regime nicht unterwerfen wollen – auf fingierten Fahndungsplakaten mit dem Tod bedroht.

Potter analysiert vor allem die sichtbaren Netzwerke der autoritären Linken auf Social Media, in K-Gruppen, alternativen Median und Vereinen, die oft Tarnorganisationen verbotener Gruppen wie der Hamas, von Samidoun oder anderen islamistischen Vorfeldorganisationen in Deutschland sind. Er beschreibt auch ihre Verbindungen zu Russland, die über Propaganda-Kanäle auf YouTube und anderen Internetmedien laufen. An dieser Stelle wäre es toll gewesen, auch mehr über die Finanzierung der Gruppen zu erfahren, aber dieser Teil ist vermutlich noch schwerer zu recherchieren.

Die neue autoritäre Linke ist ein ebenso wichtiges wie mutiges Buch, das den Finger in eine überaus schmerzhafte Wunde legt. Denn in Anbetracht von Rechtsruck und Krieg in der Welt braucht es eine starke Linke, die sich auf Differenzierung und Selbstkritik als Stärken berufen kann – und keinen verlängerten Arm des Terrors.

PS: Dass Potter selbst gerade von der taz zur Springer-Premium-Gruppe (Welt und Politico) gewechselt ist, ändert nichts an der Wichtigkeit des Buchs. Ob das für ihn eine gute Entscheidung ist, bleibt allerdings abzuwarten – ich kann es mir jedenfalls nicht vorstellen, da er Gefahr läuft, zu einem rechten Token zu werden.

Nicholas Potter: Die neue autoritäre Linke | dtv | 256 Seiten | 20 Euro | Erschienen im März 2026

Kategorie Blog, Rezensionen, Sachbuch

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin und arbeite als Buchhersteller. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Schwer zu sagen.

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