Vigdis Hjorth: Der gute Mensch von Sandvika (mit Kurzinterview)

Tief ins Glas: Der gute Mensch von Sandvika von Vigdis Hjorth ist ein feucht-fröhlicher Kneipenroman über die Unmöglichkeit, gut zu sein im Kapitalismus. Beim diesjährigen Internationalen Literaturfestival Berlin (ilb) konnten wir außerdem ein kleines Interview mit der Autorin führen.

Vigdis Hjorth, Der gute Mensch von Sandvika, Cover

Eine Kneipe im schnöden Osloer Vorort Sandvika. Hier warten Menschen auf Bus und Bahn, nehmen noch ein Glas nach dem Kino oder Theater, bevor es nach Hause geht. Möchte jemand wirklich hier sein? Die meisten wohl nicht, ein paar aber schon. Die Stammgäste erkennen sich, haben eine stille Übereinkunft, nicht miteinander zu sprechen. So auch die Autorin, die sich eigentlich als zu gebildet und wohlhabend für die anderen Stammgäste hält, von der Ruhe und unprätentiösen Einfachheit des Ortes aber wie magisch angezogen wird. Als sie schließlich doch eine Verbindung zu Ada aufbaut, gerät alles ins Rutschen.

Der gute Mensch von Sandvika wird von ebenjener Autorin erzählt. In sehr gesprochenem Rhythmus schwingen ihre Sätze vor und zurück, verzweigen sich und schweifen ab, um schließlich wieder zum Hauptsatz zurückzufinden. Die Übersetzung von Gabriele Haefs leistet hier ganze Arbeit, das Schlingern der Autorin einzufangen. Auch inhaltlich geht es um das Schlingern, denn eigentlich will sie gar nicht so viel Zeit in der Kneipe verbringen, doch irgendetwas treibt sie immer wieder dorthin.

Der Roman feiert auf der einen Seite die Kneipe als einfachsten Ort des Zusammenkommens, als Treffpunkt derjenigen, die sich Kino, Theater oder Museum nicht leisten können, aber auch nicht ganz für sich bleiben wollen. Auf der anderen Seite ist er eine Reflexion darüber, was einen guten Menschen ausmacht und wie dies in Zeiten des Spätkapitalismus überhaupt zu erreichen ist. Ein kurzweiliger und trinkseliger Roman, der durch seine warme Zeichnung der einfachen Menschen und die philosophische Grundierung überzeugt.


Kurzinterview mit Vigdis Hjorth

Anlässlich des ILB durften wir ein kurzes Interview mit der überaus sympathischen Autorin führen. Wir geben es hier im englischen Wortlaut wieder:

„The Good Person of Sandvika“ takes place in a pub mostly frequented by poor people. Why did you choose this specific setting?
Because: If one of them would win in the lottery it would represent a bigger chance than if a wealthy person would win! So simple!

Did you do any field studies for this novel? If so, how did they look like?
I did the field studies for many years! I love pubs visited by ordinary people, poor people and people that need social support. They have a total different perspective on life than wealthy or well-adjusted people like myself. They talk in different ways and are often more outspoken and honest and funny than people like myself.

The novel is – vers generally speaking – about being good in late capitalism. In your opinion, what is it that makes it so hard to just be good?
I am not an expert on this, but my experience is that it is difficult to be good, because we learn that being good should pay off, in one way or the other.

Thank you very much, dear Vigdis Hjorth.


Vigdis Hjorth: Der gute Mensch von Sandvika | S. Fischer | Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs | 176 Seiten | 24 Euro | Erschienen im August 2026

Kategorie Blog, Rezensionen

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin und arbeite als Buchhersteller. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Schwer zu sagen.

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