Dana Vowinckel: Anton und Alma

Anziehen und Abstoßen: Anton und Alma von Dana Vowinckel erzählt die Geschichte der beiden Protagonist*innen, die sich beständig annähern und wieder abstoßen, als Geschichte einer Generation, die nach Halt sucht.

Dana Vowinckel, Anton und Alma, Cover

Anton kommt aus einer internationalen jüdischen Familie. Die Mutter ist Kinderpsychologin aus Israel, der Vater Literaturwissenschaftler aus den USA. Ihr Judentum ist alteingesessen und abgeklärt, Antons Verhältnis dazu eher ungeklärt – ein Thema, das er vor sich herschiebt, ein irgendwie unbekannter wunder Punkt seiner sich langsam festigenden Mittzwanziger-Identität.

Alma kommt aus Berlin-Biesdorf, vom eher spießigen Ende der Mittelklasse-Außenbezirke der großen Stadt. Ihr geliebter Vater ist früh verstorben, der Stiefvater ungeliebt, die Mutter ignorierte den schwelenden Konflikt jahrelang. Mit dem Selbstbild der ungeliebten Tochter geht Alma ins Erwachsenenalter, fühlt sich unverstanden, verstoßen, allein.

Die Wege von Anton und Alma kreuzen sich schon früh, doch erst später finden sie zusammen, kommen sich näher, werden ein Paar. Antons Familie wirkt so anziehend wie abstoßend auf Alma. Die familiäre Einheit im Judentum zieht sie wahnsinnig an, doch verunsichert sie der große Intellekt, der Klassenunterschied, den sie trotz ihres eigenen Literaturstudiums in jeder Pore spürt. Anton ist dagegen von Almas Natürlichkeit, ihrer Unverstelltheit angezogen – nichts an ihr scheint überhöht, nichts reine Pose, sie ist einfach da für ihn.

Anton und Alma erzählt die Geschichte der beiden Mittzwanziger mit all ihren Höhen und Tiefen. Abwechselnd schildert der Roman aus der dritten, personalen Perspektive die beiden und gibt Einblick in ihre Gedankenwelt, ohne aber komplett jeweils in ihnen aufzugehen. So bleibt man als Leser*in immer in der Mitte, wird hin und her geworfen in der Sympathie für die eine oder andere Figur und leidet mit ihnen, wenn es ihnen schlecht geht.

Diese starke Emotionalität bleibt dabei aber kein Selbstzweck des Romans, sie wird ganz im Gegenteil von einer differenzierten Auseinandersetzung mit Identitätsfindung, Klassenzugehörigkeit und Religion, insbesondere dem Judentum, deutschem Anti- wie Philosemitismus, begleitet. Antons ungeklärtes Verhältnis zu seinem Judentum und Almas starke Anziehung zum Judentum werden dabei zu Symbolen für eine Generation, der alle Wege offenstehen, die viel zu oft aber verloren geht in der Reizüberflutung ihrer Welt und nach Zugehörigkeit suchen.

Es ist gerade die Verbindung von tiefer Emotionalität und nicht weniger tiefer Auseinandersetzung mit den genannten Themen, die Anton und Alma zu einem außergewöhnlichen Roman machen. Er elektrisiert geradezu beim Lesen, zieht einen magnetisch in seinen Kosmos und zu seinen überaus lebendigen Figuren. Ein Leseerlebnis, das sich niemand entgehen lassen sollte und ohne Zweifel zu den Favoriten für den Deutschen Buchpreis zählt.

Dana Vowinckel: Anton und Alma | Suhrkamp | 542 Seiten | 26 Euro | Erschienen im September 2026

Kategorie Blog, Rezensionen

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin und arbeite als Buchhersteller. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Schwer zu sagen.

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