Holm Gero Hümmler: Verschwörungsmythen

Verschwörungen haben nach wie vor Konjunktur, das Internet ist randvoll mit dem absurdesten Geschwurbel. Holm Gero Hümmler wendet sich den größten aktuellen Theorien in seinem Buch Verschwörungsmythen (Hirzel) zu und hinterfragt sie auf naturwissenschaftlicher Basis.

Holm: Verschwörungsmythen

Verschwöringstheorien und -mythen sind ein klein wenig zu meinem Steckenpferd geworden. Ich bin tatsächlich fasziniert davon, wie geistig vollkommen gesunde Menschen dazu kommen, an die absurdesten Dinge zu glauben. Und natürlich auch von den Absurditäten selbst, die teilweise fast dadaistischen Charakter haben.

Einfach unfassbar, an diese genauso komplexen wie höchst unwahrscheinlichen Gebilde zu glauben und das eigene Leben eng um diesen Glauben zu schlingen. Oft so eng, dass Menschen, die an Verschwörungen glauben, sich ausschließlich mit ebensolchen Menschen umgeben, da alle anderen es mit ihnen nicht mehr aushalten. Und andersherum.

Holm Gero Hümmler setzt sich in seinem aktuellen Buch Verschwörungsmythen mit deren wie auch immer gearteter »faktischer« Basis auseinander. Er benutzt den Terminus »Verschwörungsmythen«, um sie von wissenschaftlichen Theorien abzugrenzen. Zweitere sind meist komplex und gelten so lange als wahr, bis sie widerlegt werden. Das funktioniert bei sogenannten Verschwörungstheorien nicht. Weder ist ihre Basis immer fundiert ausgearbeitet, noch lassen sie sich widerlegen, da sie allen wissenschaftlichen Prinzipien entsagen. Im Buch schwankt er allerdings immer mal wieder zwischen beiden Termini.

Ansonsten bleibt Hümmler aber bei seinen Definitionen und dem sonstigen theoretischen Rüstzeug ganz bei anderen Büchern wie »Nichts ist wie es scheint« von Michael Butter und Angela Merkel ist Hitlers Tochter von Christian Alt und Christian Schiffer. Auch wenn man kritisieren muss, dass er nicht ganz auf dem aktuellen Stand der Diskussion ist, denn die beiden Bücher werden nicht zitiert oder erwähnt.

Der Mensch als solcher ist also gut dafür ausgelegt, Muster zu erkennen, selbst da, wo keine sind, und mitunter hat es sogar Sinn, Verschwörungen zu wittern, weil es solche auch in der Realität gibt. Dazu kommen allgemeinpsychologische Effekte, die begünstigen, dass ein Mensch beim Glauben an eine Idee, eine Ideologie, eine Meinung oder eben eine Verschwörungstheorie bleibt.

Was zeichnet dieses Buch nun gegenüber den genannten aus? Es hat einen komplett anderen Ansatz, und zwar ist es im Prinzip ein Debunking-Buch. Hümmler selbst weiß, dass diese Technik bei Menschen, die dem Glauben an Verschwörungen verfallen sind, sinnlos ist, und wendet sich daher explizit an Menschen, die dies nicht sind. Nun könnte man nach dem weitergehenden Sinn fragen, aber ich setze einfach mal dagegen: Das Buch hat seinen Sinn.

Denn Hümmler erklärt auf naturwissenschaftlicher Basis, was ich niemals in dieser Tiefe hätte recherchieren können. Er macht dies mit den nach wie vor beliebtesten und am weitesten entwickelten Theorien: 9/11, Mondlandung, HAARP, Chemtrails, Neuschwabenland und der Hohl- bzw. Flacherde. Und das absolut verständlich, auch wenn ich hier und da doch an meine Grenzen gekommen bin.

Was den Punkt an allem ins Zentrum rückt: Die Erklärung etwa für den Einsturz des Word Trade Centers in exakt der Weise, wie er auf den ikonischen Bildern ins mediale Gedächtnis der Welt eingegangen ist, ist sehr komplex und setzt viel architektonisches und physikalisches, ja sogar chemisches Wissen voraus. Wer eine einfache Erklärung abseits dieser Grundlagen sucht, muss gezwungenermaßen scheitern. Wer dazu nicht bereit ist, landet im Sumpf der Verschwörungen.

Damit ist Verschwörungsmythen eine klare Empfehlung für alle, die genau wissen wollen, wieso bestimmte Verschwörungstheorien absolutes Geschwurbel sind. Witzig wird es sogar, wenn Hümmler die alternativen Fakten der »Theoretiker« nimmt und naturwissenschaftlich durchleuchtet. Ein bereicherndes, witziges, aber auch forderndes Buch.

Holm: Verschwörungsmythen

Holm Gero Hümmler

Verschwörungsmythen

S. Hirzel Verlag

224 Seiten | 19,80 Euro

Erschienen im April 2019

Kategorie Blog, Indiebooks, Rezensionen, Sachbuch
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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  1. Pingback: Blogbummel November/Dezember 2019 – buchpost

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