Cihan Acar: Hawaii

Verschwörungsdeppen treffen auf migrantische Rockergangs: Heilbronn wird im Romandebüt Hawaii von Cihan Acar (Hanser Berlin) zum Platz eines unverhofften Showdowns, der hinter dem zeitweise krachigen Plot auf die Welt der Zugewanderten der ersten und zweiten Generation schaut. Und das dann unaufgeregt und gut.

Cinhan Avcar: Hawaii

Hawaii. Das Cover sieht nicht gerade nach tollen Stränden, Palmen und Cocktails aus, also worum geht es hier? ohne langes Schwadronieren kann man zusammenfassen: um Heilbronn. Deutsche Kleinstadt at its finest, könnte man sagen, gleichzeitig aber auch deutsche Gesellschaft in a nutshell. Oder ganz ohne gezwungene Anglo-Coolness (fast …): In Hawaii schaut man durch die Augen eines Deutsch-Türken der zweiten Generation in die Welt und erlebt ein paar normale bis aufregende Tage mit.

Der Protagonist ist Kemal, seine Eltern sind aus der Türkei nach Deutschland gekommen, um Arbeit und ein besseres Leben zu finden. Das hat auch durchaus funktioniert, sein Vater hat einen Job gefunden, seine Eltern gehören zur gut angepassten ersten Generation, denen Assimilation und so wenig wie möglich als Zugewanderte aufzufallen äußerst wichtig waren. Auffälligen Rassismus gab es recht wenig, allerdings war bis auf die Arbeitersiedlung irgendwo im Industriegebiet auch nichts anderes erschwinglich.

Und das ist Hawaii. Keiner weiß mehr, wie der Name entstand, wo er herkommt, aber das schäbige, billige Viertel hinter den Fabriken und Lagerhallen wurde irgendwann so getauft, ein Graffiti hält es auf ewig fest. Hier wohnen alle, die sich die Stadt nicht leisten können. Zugewanderte, Unterschicht, Menschen ohne Bildung und Perspektive, zu größten Teilen jedenfalls. Hier reihen sich Kioske und Wettbüros, Backshops und Discounter aneinander.

Kemal hatte die Möglichkeit auszubrechen, da er ein talentierter Fußballer war und sein Vater ihm das Training im benachbarten Stuttgart ermöglichen konnte. Er schaffte den Sprung in den Profibereich, durch eine Dummheit verletzte er sich aber so stark, dass mit dem Fußball schnell wieder Schluss war. Nun ist er Anfang zwanzig, das Fußballgeld ist fast verprasst, nur ein lädierter Jaguar ist ihm geblieben, dessen Reparatur er sich nicht mehr leisten kann. Gestrandet sitzt er nun wieder in seiner Heimatstadt, gehört halb dazu und halb nicht, teilt damit das Schicksal vieler junger Erwachsener der zweiten Generation.

Wörter und Sätze mit möglichst vielen Ü und Ö regneten auf mich ein, bei den meisten war keine Silbe türkisch. Sie hatten den Spaß ihres Lebens. Sogar die ruhige Claudia versichte sich zaghaft an einem Schimpfwort, das keins war. Für die war es nur ein Spiel. Es juckte sie nicht, dass ich dieses Spiel schon tausendmal mitmachen musste, Aber wenn man etwas dagegen sagt, ist man gleich wieder der Aggro-Türke. Irgendwann hatte Sina genug: »Jetzt lasst ihn mal in Ruhe.«

Hawaii strickt nun einen Plot um Kemal über vier überaus ereignisreiche Tage im Sommer nach Kemals Rückkehr nach Heilbronn. Wir lernen Hawaii kennen, seine Bewohner, die Freunde Kemals, seine Familie, seine wohlhabende deutsche Ex-Freundin, die er aus purer Nostalgie zurückgewinnen will, und ein Geflecht aus migrantischen Rockern und AfD-ähnlichen besorgten Bürgern, die aneinandergeraten, sodass alles aus dem Ruder läuft.

Im Mittelpunkt steht aber Kemal, seine Ansichten, Reflexionen, Sorgen und Gedanken. Dadurch schafft es Hawaii, eine gute Innensicht in einen jungen Mann der zweiten Zuwanderer-Generation zu erlauben, ohne kitschig zu werden. Seine ruhige, besonnene und bisweilen ironische Art trägt den Roman, lässt die Charaktere nicht zu sehr ins Schablonen- oder gar Karikaturhafte abgleiten und bedient möglichst wenig Klischees, auch wenn der Roman nicht ganz darum herumkommt.

Hinter dem krachigen Plot steht ein ruhiger, überaus angenehmer Protagonist, und das ist vielleicht auch der größte Kritikpunkt an Hawaii. Denn Kemals Suche nach Ruhe und Harmonie abseits der Konfrontation von »Zugewanderten« und »Einheimischen« scheint auf Dauer doch ganz schön harmlos. Es fehlen dem Buch die Ecken und Kanten, was es eben nicht zu einem so relevanten Titel wie etwa Ellbogen von Fatma Aydemir werden lässt, sondern lediglich zu einem guten Roman mit kritischen Zwischentönen. Das ist keinesfalls schlecht, aber eben auch nicht großartig.

Cihan Acar: Hawaii

Cihan Acar

Hawaii

Hanser Berlin

256 Seiten | 22 Euro

Erschienen am 17.2.2020

Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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