Tschüssi 2020 | Unsere Highlights

Schon wieder ein Jahr rum, schon wieder sagen wir »Tschüssi!«. Diesmal aber etwas anders als sonst, denn irgendwie können wir es gar nicht abwarten, dass sich 2020 vom Acker macht. Aber wir wollen auch nicht zu viel klagen, denn am Ende zählt ja eines: Uns geht’s gut, und das war praktisch das ganze Jahr so.

Keine Angst, wir fangen jetzt nicht an zu schwurbeln. Weder darüber, wer uns dieses 2020 denn nun eingebrockt haben könnte (Gott bewahre – dazu aber später mehr), noch darüber, wie schlimm es denn war und wie dankbar wir nun sind. Ja, es war blöd, es war auch mal schlimm. Aber wir sind als kinderloses Paar mit sicheren und fast unbeeinträchtigten Jobs in der Verlagsbranche bis auf diverse Umstellungen fast geräuschlos durch eine der größten Krisen unserer noch nicht allzu langen Leben gegangen. Krank geworden sind wir auch nicht, waren im Gegenteil größtenteils gesünder als in den letzten Jahren. Also: Wir haben Schwein gehabt. Dafür sind wir dankbar und senden unser Mitgefühl an alle, denen es schlechter ging. Punkt.

Nun aber ein Blick auf die Bücher, die dieses verrückte Jahr zu bieten hatte. Für mich, Stefan, haben drei Bücher ganz besonders herausgestochen, davon zwei Debüts. Deniz Ohde hat mich mit Streulicht tief und nachhaltig beeindruckt. Wie der Roman die Stille, den Zweifel und die Verzweiflung seiner Protagonistin in ein diffuses Licht setzt, ist einfach grandios. Er kreiert einen Hilferuf aus der Mitte des Dreiecks aus Race–Class–Gender, der in seinem Flüsterton lauter kaum sein könnte. Völlig zu recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020.

Nicht nominiert war Ronya Othmanns Debüt Die Sommer. Sprachlich und strukturell zwar nicht so avanciert wie Streulicht hat mich der Roman aber inhaltlich von den Socken gehauen. Wie gekonnt Othmann hier Coming-of-Age in Deutschland mit Migrationsgeschichte, Bürgerkrieg und ethnisch-religiöser Verfolgung der kurdischen Êzîd*innen in Syrien und der Türkei verknüpft, ist unglaublich gut. Der Roman wird einfach immer besser, zum Ende hin konnte ich ihn kaum noch aus der Hand legen.

Weniger offensichtlich politisch ambitioniert, sondern eher als formal höchst differenzierte Analyse der wohlbegüterten Generation Z in den deutschen Großstädten kommt das dritte Highlight daher: Allegro Pastell von Leif Randt. Der Roman spielt gekonnt wie gut recherchiert mit Hipster-Klischees und dem Gefühlsleben der gebildeten und wohlhabenden Endzwanziger unserer Tage. Er zeichnet ein Bild von Distinktionszwang und Selbstanalyse, die es den Protagonist*innen kaum erlaubt, auszubrechen. Ein avanciertes Statement auf der Höhe der Zeit.

Drei weitere Romane sollen aber auch noch genannt werden, weil sie einfach zu gut waren, um sie zu verschweigen. Thorsten Nagelschmidts Roman Arbeit hat mich grandios unterhalten und dabei den Blick unprätentiös auf die Schattenseite der Berliner Clubkultur gerichtet. Scott McClanahans Roman Sarah hat mich zu Tränen gerührt mit seiner kaputten Liebesgeschichte, und Joshua Groß hat mit Flexen in Miami ein weiteres, ambitioniertes Schlaglicht auf den neuen Sehnsuchtsort der jungen deutschen Literatur geworfen: Miami.

Auch im Bereich des Sachbuchs war einiges los. Ich habe ein paar Reihen vorgestellt bzw. bin ich noch dabei. So etwa die Fröhliche Wissenschaft bei Matthes & Seitz, Digitale Bildkulturen bei Wagenbach oder die KiWi Musikbibliothek. Davon soll es auch noch mehr geben, es gibt wirklich viele kleine, mit viel Liebe kuratierte Serien, die einen näheren Blick lohnen. Bei den Einzelwerken haben mich vor allem vier Bücher beeindruckt. Ein wenig zurückkommend auf die Einleitung war es dieses Jahr unglaublich interessant wie erschreckend zu sehen, wie Menschen im Angesicht der unüberblickbaren Ereignisse sich immer weiter einfachen Lösungen zuwenden, und seien sie noch so absurd. Auch wenn Analysen dazu noch weitgehend im Feuilleton angesiedelt sind und nicht groß ausgearbeitet, hat dies doch mein Lesen geprägt.

Matthias Quent schlägt mit Deutschland rechts außen in diese Kerbe, auch wenn er natürlich von der extremistischen Seite ansetzt, um dann die Anwerbungsstrategien miteinzubeziehen. Gut recherchiert, gut argumentiert, erschreckend und hoffnungsvoll zugleich. Raul Zelik geht eher in die Perspektive der Verhinderung von noch mehr globaler Ungleichheit, wenn er in Wir Untoten des Kapitals ein neues Wirtschafts- und Politiksystem entwirft. Einen neuen Sozialismus, die Klimazerstörung, wachsende Ungleichheit und Diskriminierung gleichermaßen in den Blick nimmt. Esther Gonstalla mit ihrem Klimabuch und Bruno Latour mit dem Terrestrischen Manifest widmen sich dann ganz dem Klima. Unverzichtbar!

Juliane hat dieses Jahr natürlich auch wieder einiges gelesen. Hier kommen ihre Highlights: Mein 2020 startete direkt mit einem Highlight, nämlich dem zweiten Roman von Stefanie de Velasco Kein Teil der Welt, in dem sie sehr eindrücklich das Aufwachsen eines Mädchens bei den Zeugen Jehovas beschreibt und gleichzeitig ein Stück deutsch-deutsche Geschichte beleuchtet. Stark ging es im März gleich weiter mit Je tiefer das Wasser von Katya Apekina weiter, ein düsterer, collagenartiger Plot, der für mich so eine wunderbar amerikanische Atmosphäre verströmt. Als düster kann man auch mein absolutes Jahreshighlight Was man sät von Marieke Lucas Rijneveld bezeichnen. So etwas habe ich zuvor noch nie gelesen – ein Buch über die Abgründe, in die Religion und der Tod Kindern stürzen können. Ein beeindruckendes Debüt, eine nur schwer zu ertragende Lektüre. Heiterer, wenn auch trotzdem thematisch bei Tod und Trauer angelegt, ging es in einem Highlight zu, dass sich mir noch knapp vor Jahresende offenbarte. Herr Rudi von Anna Herzig ist ein stilistisch einwandfreies, witziges und herzerwärmendes Buch.

Außerdem haben mich in diesem Jahr zwei Memoirs nachhaltig beeindruckt. Zum einen Unorthodox von Deborah Feldman – die Autorin schreibt über ihr Aufwachsen in der Gemeinde der chassidischen Juden New Yorks und ihrer Flucht aus der Religionsgemeinschaft.
Zum anderen war Ich bin Linus von Linus Giese ein absoluter Glanzpunkt 2020. In dem Buch geht es um Linus’ Outing als trans Mann und alles, was damit einhergeht. Am Ende des Memoirs gibt es ein Glossar, dass ich seitdem immer wieder zur Hand nehme.

Aber auch sonst war in diesem Jahr natürlich was los. So haben wir unsere neue Rubrik für Kurzrezensionen eingeführt, Kurz angerissen. Manchmal ist einfach nicht so viel zu sagen, aber ganz unbesprochen soll ein Buch auch nicht bleiben – zack, rein damit. Dann haben wir die Veranstaltungsreihe Let’s talk about class begleitet, die uns mit ihrem Thema und den vielfältigen Gästen umgehauen hat. Sie hat die Art, wie wir auf die Welt blicken und natürlich auch Bücher lesen, verändert. Klassenunterschiede waren uns vorher zwar schon bewusst, aber sie noch einmal in den Mittelpunkt einer Reihe zu rücken, hat zu einer ganz neuen Wahrnehmung geführt. 2021 wird die Reihe wohl weitergehen, wir sind gespannt. Und natürlich fand auch trotz Corona der Indiebookday 2020 statt.

Mit den Messen war dieses Jahr nicht viel los, was okay war. Wir haben es vermisst, viele Menschen zu treffen und durch die Hallen zu schlendern, haben die Partys und Empfänge vermisst – konnten uns auf dem heimischen Sofa aber auch ganz gut damit arrangieren. Die digitalen Angebote sind weitgehend an uns vorbeigegangen, aber das war auch okay. Hier und da haben wir reingeschaut, das war durchaus nett. Will heißen: Für uns wirklich kein Drama. Dafür waren wir viel in der Natur unterwegs, hier ein kleines Best of:

Schwerer wiegt der Ausfall von zahllosen Lesungen, die für uns immer schöne Möglichkeiten sind, Autor*innen zu entdecken und ein wenig im Betrieb zu netzwerken. Viel schlimmer aber ist, dass eine Haupteinnahmequelle vieler Autor*innen damit weggebrochen ist. Ein Grund mehr, Bücher im unabhängigen Buchhandel zu kaufen!

So, das ist ganz schön lang geworden, also machen wir den Abschluss kurz: Danke an euch, die ihr immer noch auf unseren Blog kommt und unsere Texte lest. Wir finden das wirklich toll. Wirklich. Danke. <3

Und dann: Tschüssi 2020, hätte besser sein können, sorry. Aber jetzt: Hallo 2021, wir zählen auf dich!

Kategorie Blog, Mischmasch
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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