Tschüssi 2021 | Unsere Highlights

Letztes Jahr konnten wir es noch kaum abwarten, 2020 »Tschüssi!« zuzurufen und in eine bessere, pandemiefreiere Zukunft zu starten. »Wie naiv!«, mag man heute denken, aber mit 2022 geht es uns nicht anders. Mit Hoffnung auf ein besseres 2022 sagen wir also heute »Tschüssi 2021!« mit unseren Highlights des vergangenen Jahres.


Schon letztes Jahr haben wir an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass es uns gut geht. Trotz allem. Und wir dankbar dafür sind, dass das so ist, während es so vielen Menschen um uns herum in der Pandemie deutlich schlechter geht. Das bleibt. Und doch nagt es an uns beiden. Nagt die permanente Ungewissheit, die Unfähigkeit, für die Zukunft planen zu können, das ständige Abwägen, ob ein Kinobesuch, ein Kneipenabend, ein Dinner zu Hause mit Freund*innen okay und vertretbar ist. Nagt das Unbehagen Bekannten und Fremden gegenüber, ob sie sich wohl in den letzten Tagen verantwortungsvoll verhalten haben, geimpft und geboostert sind. Nagen die ständigen Nachrichten über Personen, die ihren eigenen Trotz über gesellschaftliche Solidarität und den Schutz von Schwächeren stellen. Das kann gerne bald vorbei sein.

Aber jetzt schauen wir mal auf das Gute, und das sind natürlich mal wieder Bücher. 2021 hielt wieder viele Highlights bereit – trotz Verschiebungen und zum Jahresende hin extremen Engpässen bei Papierlieferungen durch Materialmangel und die Verlagerung der Produktion auf Verpackungsmaterial sowie schwindende Druckereikapazitäten durch coronabedingte Krankheitsausfälle.

Stefan sieht drei Romane ganz vorn: Mich hat vor allem Identitti von Mithu Sanyal komplett von den Socken gehauen. Ein Roman, der dermaßen intelligent und gleichzeitig unterhaltend einen so schwierigen Themenkomplex wie Identität, Rassismus, Feminismus und Postkolonialismus behandelt, ist mir noch nicht untergekommen. Wahnsinn. Aber auch Spitzenreiterinnen von Jovana Reisinger konnte mich begeistern. Der radikal subjektive Roman bündelt die Schicksale verschiedener Frauen zu einem Bild, das sehr treffend den Zustand einer immer noch patriarchalen Gesellschaft beschreibt – dabei aber den Trotz der Frauen in den Mittelpunkt stellt, die sich nicht unterkriegen lassen. Lisa Krusches Debütroman Unsere anarchistischen Herzen handelt von zwei Mädchen, die in der niedersächsischen Provinz aufeinandertreffen und ihre Freundschaft entdecken. Im Subtext des Coming-of-Age-Romans geht es aber um mehr, denn ihr Schicksal baut sich vor allem aus der Unfähigkeit der Eltern aus, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen.

Bei den honorable mentions kommen dann nochmal vier Romane dazu, die mich ebenfalls 2021 sehr beeindruckt haben. Zwei kamen gleich zu Anfang des Jahres raus, ein ziemlich krasser Auftakt. Zunächst Ministerium der Träume von Hengameh Yaghoobifarah, ein überraschend eingängiger Roman, der fast wie ein Krimi funktioniert und ganz nebenbei Themen wie Diversität und Antirassismus behutsam mit einflechtet. Kurzes Buch über Tobias von Jakob Nolte war dann wieder gewohnt verwurstelte Nolte-Kost, die mich als Fan natürlich begeistern konnte. Diesmal geht es um Religion, Wahn und Freundschaft – wenn man das so sagen kann. Spät im Jahr kamen dann noch zwei kleine Romane dazu. Greta und Jannis von Sarah Kuratle begeistert durch eine wild-archaische Sprache, in die sie eine Romanze kleidet, die dann doch keine sein will. Der falsche Gruß von Maxim Biller ist abschließend noch ein beißend komprimierter Kommentar zur angeblichen Spaltung der deutschen Gesellschaft, die komplett ohne Pandemie auskommt, sondern die angegriffene Männlichkeit seines Protagonisten in den Fokus nimmt.

Bei den Sachbüchern war ich 2021 nicht so dran. Vier Bücher haben aber dennoch rausgestochen. Zunächst wären da die beiden Bücher des Klima-Philosophen Andreas Malm, Klima|x und Der Fortschritt dieses Sturms. Das erste ist ein Essays über den staatlichen Willen, gegen Corona als Katastrophe entschieden und mit nie da gewesenen Finanzmitteln vorzugehen, während ein präventiver Klimaschutz als zu teuer oder abstrakt abgelehnt wird. Das zweite eine philosophische Abhandlung über die Trennlinie zwischen Natur und Gesellschaft, die in Anbetracht der Klimakatastrophe einer Auffrischung bedarf. Max Czollek wendet sich in Gegenwartsbewältigung den deutschen Konservativen zu, die rassistische und antisemitische Politik oft unter dem Deckmantel von Begriffen wie »Leitkultur« oder »Heimatschutz« durchdrücken und damit Minderheiten von der gesellschaftlichen Teilhabe abhalten. Andreas Speits Buch Verqueres Denken nimmt die sehr heterogene Bewegung der in 2021 alles überschattenden Querdenker in den Fokus. Überaus interessant, was sich da aus Impfgegnern, Esoterikern, Rechtsradikalen und anderen alternativen Milieus zusammengebraut hat.

Juliane hat in diesem Jahr zwar auch einige Bücher gelesen, aber irgendwie lässt ihr Rezensionsdrive immer mehr nach, deshalb ein guter Vorsatz für 2022: den Arsch wieder öfter hochbekommen und Buchbesprechungen schreiben. Oder sich vielleicht endlich eingestehen, dass das Bloggen gar nichts mehr für sie ist? Nun ja, wir werden sehen, 2022 startet die große Testphase.

Trotz allem gab es natürlich auch im letzten Jahr Lesehighlights: Bei den Romanen waren das für mich Wie die Gorillas von Esther Becker – ein Debüt, das mich einfach thematisch und stilistisch beeindruckt hat – und der zweite Roman von Shida Bazyar, Drei Kameradinnen, – sehnsüchtig erwartet und genauso überzeugend, eine wahre literarische Wucht. Im Bereich der Non-Fiction konnten mich auch im vergangenen Jahr die erzählenden Sachbücher und Memoirs am meisten begeistern – hier allen voran Niemehrzeit von Christian Dittloff – ein feinsinniges Buch, in dem er schreibend Abschied von seinen Eltern nimmt – und Allein von Daniel Schreiber – werde immer mehr Schreiber-Fan und freue mich schon auf sein nächstes Langessay. Außerdem kann ich noch Die Elenden von der Journalistin Anna Mayr empfehlen, ein sehr gut recherchiertes Sachbuch über Armut in Deutschland, warum arme Menschen in unserer Gesellschaft einerseits verachtet werden und wir sie andererseits brauchen, um uns die eigenen Lebenszustände zu rechtfertigen.

Ansonsten haben – wie so alles um uns herum – auch Präsenzveranstaltungen in der Buchbranche wieder ein bisschen an Fahrt aufgenommen. Wir haben unsere erste Frankfurter Buchmesse erlebt, auf der wir wirklich alles an einem Tag geschafft haben, weil die Besucher*innenzahl aufgrund der Pandemie so stark begrenzt wurde. Irgendwie ganz schön, irgendwie auch etwas gruselig – zumindest die leeren Gänge. Dann haben wir zum zweiten Mal in Folge die Veranstaltungsreihe »Let’s talk about class« auf unserem Blog begleitet – es war uns mal wieder eine Ehre, und wir danken für die vielen spannenden Gespräche auf der Bühne.

Und dann gab es noch zwei Inselurlaube, die 2021 herausstechen: Wir haben Bornholm und Teneriffa unsicher gemacht – beides sehr empfehlenswert, vor allem für wanderlustige Menschen. Außerdem stand der Indiebookday wie jedes Jahr im März an, wir lernten neue Blogger*innen bei einer Schnitzeljagd kennen und dazu zwei niedliche Tapire im Berliner Zoo, wir haben uns um den Acker einer lieben Kollegin gekümmert und seeehr große Zucchini geerntet, viel Kuchen gegessen und Spaziergänge auf dem Tempelhofer Feld unternommen. Es gibt also keinen Grund zur Klage – 2021, das war schon ganz okay so.

ABER: Liebes 2022, du kannst das noch besser – vielleicht ja endlich einmal ohne akute Pandemie. Wäre doch mal ein guter Vorsatz für dich, oder? 🙂 Bis dahin bleiben wir geduldig und hoffen auf’s Beste.

Kategorie Blog, Mischmasch
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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