Aktueller denn je: Die Graphic Novel zu Thomas Pikettys modernem Klassiker Eine kurze Geschichte der Gleichheit von Zeichner Sébastien Vassant, Texter Stephen Desberg und übersetzt von Stefan Lorenzer macht das komplexe Thema auf kleinem Raum greifbar.

Die Armen werden ärmer, die Reichen reicher – die Einkommensschere geht immer weiter auf, die Mittelschicht wird zerrissen und immer mehr Menschen werden von ihrer Angst in die Hände von Rechtspopulisten getrieben. Wie konnte es so weit kommen? Der wohl renommierteste Kritiker ökonomischer Ungleichheit, Thomas Piketty, hat dazu den Band Eine kurze Geschichte der Gleichheit geschrieben. Wem das aber noch nicht kurz genug ist, der kann es nun in Form einer Graphic Novel, gezeichnet von Sébastien Vassant, getextet von Stephen Desberg und übersetzt von Stefan Lorenzer, sehr kompakt nachlesen.
Von der Antike bis in die Gegenwart werden Stellenwert und Kämpfe um gesellschaftliche Gleichheit dargestellt, wobei der Fokus klar auf den letzten gut 200 Jahren liegt, also etwa seit der französischen und industriellen Revolution. Frankreich ist auch der geografische Fokus, was eine Betrachtung des Kolonialismus über die Jahrhunderte bis in die Gegenwart erlaubt. Die Kapitel sind mit einem je eigenen Color-Code versehen, sodass inhaltlich und grafisch immer eine klare Unterscheidung offensichtlich ist. Die Zeichnungen orientieren sich an einem klassischen Comic-Stil, der Text ist eher erklärend umgesetzt.
Damit bietet die Graphic Novel einen sehr kurzen, griffigen Zugang zu dem komplexen Thema. Für mich ist das allerdings Fluch und Segen zugleich, da der Einfachheit des Zugangs die Differenzierung in die Tiefe zum Opfer fällt, die für mich aber – wie ich dann gemerkt habe – doch recht zentral ist. So hat die Graphic Novel aber etwas sehr Gutes geschafft: mich davon überzeugt, jetzt den Grundlagentext von Piketty zu lesen.
Sébastien Vassant, Stephen Desberg (nach Thomas Piketty): Eine kurze Geschichte der Gleichheit | C. H. Beck | Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer | 96 Seiten | 22 Euro | Erschienen im Februar 2026
