Der September gibt nochmal alles, bevor er dann am Ende in den Herbst abbiegt. Vor der Buchmesse gab es auch nochmal reichlich Veranstaltungen. Was sonst noch so los war im September, lest ihr hier.
Gelesen
JULIANE: Im September war bei mir, auch aus gesundheitlichen Gründen, Leseflaute. Trotzdem habe ich einen Roman gelesen, der mich noch lange beschäftigen wird. Der einzige Stern am Himmel von Otoniya J. Bitek (Ü: Anette Grube) skizziert das Leben von sechs Frauen, die als Mädchen von der Lord’s Resistance Army in den Norden Ugandas verschleppt wurden, um dort als Kindersoldaten zu dienen. Ein wirklich hartes Buch, aber gleichzeitig inhaltlich so wichtig und dazu noch so poetisch geschrieben, dass ich es wirklich allen ganz wärmstens empfehlen möchte.
Und dann hat die Konzentration im September noch für ein Kinderbuch gereicht, das aber auch ganz wunderbar als Erwachsenenlektüre funktioniert. In Omas Ohren können nicht hören von Johanna Trunte und Hilde Biedermann begleiten wir die kleine Suki, die bemerkt, dass ihre geliebte Oma immer schwerer hören kann und was das mit ihr und ihrem Umfeld macht. Ein wirklich ganz liebenswertes Bilderbuch mit Altersempfehlung ab 5 Jahren und ausklappbarem Wissensteil zu Tinnitus, Gebärdensprache, Hörgerät und Cochlea-Implantat. Große Empfehlung.
STEFAN: Irgendwie lese ich weiterhin viel, gerade ist die Motivation irgendwie groß, und das macht richtig Spaß.
Als Erstes habe ich Der gute Mensch von Sandvika von Vigdis Hjorth gelesen. Der Roman führt in eine etwas versackte Kneipe im Osloer Vorort Sandvika, porträtiert die Stammgäste und stellt dabei ganz unvermittelt die Frage danach, was jemanden im Spätkapitalismus zu einem guten Menschen macht. Und wieso das so unglaublich schwerfällt. unterhaltsam und untergründig philosophisch. Anlässlich des ilb konnten wir auch ein kurzes Interview mit der Autorin führen.
Dann folgte Winterschlaf von Mario Petuzzi. Dieses Debüt des Österreichers hat mir sehr gut gefallen. Es wird erzählt von Zwillingen auf einem abgelegenen Dorf, deren Mutter jährlich einen Winterschlaf macht und danach Menschen aus ihren Träumen die Zukunft liest – oder so. Der Roman ist düster und doch leicht, die Sprache stark geformt und die Geschichte abgefahren, also einfach alles dabei für mich.
Ähnlich erging es mir mit Zeiten erhöhter Gefahr von Julia von Lucadou. Der Roman erzählt von Jot, einem sehr angepassten Prepper, der durch einen Zwischenfall in die eigene Kindheit zurückgeworfen wird. Seine Realität verschiebt sich, Gegenwart und Vergangenheit schieben sich immer weiter ineinander, zusätzlich legt sich Kafkas Prozess als Folie über den Text – sehr gegenwärtig und doch an der klassischen Moderne geschult.
Dann habe ich noch den zweiten Teil von Asta Olivia Nordenhofs Scandinavian-Star-Reihe gelesen, Das Teufelsbuch. Nach Geld in der Tasche ist der Roman deutlich zugänglicher und geradeheraus, dabei immer wieder von lyrischen Passagen durchzogen, die einen fast manifestartigen Ton anschlagen – feministisch, kraftvoll, provokant.
Zwei Bücher habe ich abgebrochen. Das richtige Leben des Alvaro Maderholz von Clemens Böckmann hat mich erst mit seiner Geschichte zwischen Chile und Österreich eingenommen, dann aber auch schnell wieder verloren. Mir fehlte hier die Dringlichkeit, um weiterzukommen. Ähnlich bei Die Kräfte von Laura Vazquez: Der sehr philosophische Roman fängt stark an, schafft es für mich dann aber nicht, sich weiterzuentwickeln, an Fahrt aufzunehmen. Nach der Hälfte war dann Schluss.
Gesehen
JULIANE: Eine meiner Lieblingsserien, Please Like Me, ist zurück im Stream, und zwar auf Arte. Nichts könnte mich jetzt zur dunkeln Jahreszeit glücklicher machen.
Außerdem war ich im Berliner Kino International bei der eindrucksvollen Veranstaltung »Der schöne 27. September« mit Marion Brasch, Jella Haase und Albrecht Schuch. Ein Abend für Thomas Brasch, mit szenischer Lesung, Film- sowie Dokumentationsausschnitten und Fotografien. Ich glaube, da muss ich nächstes Jahr wieder hin.
STEFAN: Ich habe hier und da Sachen angefangen oder laufen lassen, so richtig gecatcht hat mich im September aber nichts. Also bin ich wieder auf gewohntes Terrain gegangen und schaue jetzt The Resident, auch bekannt als Atlanta General, auf Netflix. Wieder Krankenhaus, diesmal deutlich systemkritischer angelegt als etwa The Good Doctor, mehr wie New Amsterdam, nur aus anderer Perspektive. Gefällt mir erstmal gut.
Gehört
JULIANE: Als Hörbuch gab es für mich vergangenen Monat Hundeheimat von Don Pablo Mulemba auf die Ohren. In seinem Memoir berichtet der Journalist von seinem Aufwachsen in Ostdeutschland als Sohn eines angolanischen Vertragsarbeiters und einer Ostdeutschen. Es geht um Zugehörigkeit, die Baseballschlägerjahre, Angola, aber auch das System Sportinternat und was es mit einem jungen Menschen macht, wenn die Eltern plötzlich auf einen anderen Kontinent ziehen. Für mich ein Jahreshighlight.
STEFAN: Im September gab es wieder viele alte Bands, die ich oft gehört habe. So Dinosaur Jr. und deren neues Album There Near, das gewohnt gut ist, aber auch keinen Innovationspreis gewinnt. Dazu ganz viel Smashing Pumpkins, vor allem Siamese Dream und Mellon Chollie, Sonic Youth mit Goo und Death Cab for Cutie, die wir im Oktober live sehen werden. Das neue Album habe ich mir angehört, ist die gleiche Kategorie wie Dinosaur Jr. – nicht schlecht, aber auch nichts Neues.
Gemacht
JULIANE: Wir haben im September einen dritten Geburtstag gefeiert und können kaum glauben, dass unser Kind schon sooooo groß ist. Zur Feier des Tages gab es einen ausgedehnten Brunch und am Tag danach einen Ausflug in den Wildtierpark. Das Kind fand alles toll und das macht die Eltern ja bekanntlich am glücklichsten.
STEFAN: Wir waren beim Internationalen Literaturfest Berlin, um uns Lesungen anzuschauen, und zwar Vigdis Hjorth mit Der gute Mensch von Sandvika und Douglas Stuart mit John of John. Beides sehr gute Veranstaltungen, wobei letztere mit Charlie Hübner noch prominenter besetzt war. Wir konnten auch noch ein kleines Interview mit Vigdis Hjorth führen, das ihr in der Rezension zum Roman lesen könnt. Sehr unterhaltsam und erhellend!
